Ich stell mir das so vor:
- Wenn ich in Berlin am Alexanderplatz-Untergeschoss plötzlich durchdrehen und anfangen würde, loszubrüllen: «Scheisse! Warum verreckt Deutschland so?! Kann mir das jemand erklären?», dann sollten sich mindestens 3 Leute finden, die im Vorbeigehen ihren Senf zur hoffnungslosen Lage der Nation einwerfen würden. Sollte ich das Gleiche in München am Marienplatz-Untergeschoss durchziehen, dann würden die Leute einen weiten Bogen machen und entsetzte Blicke auf mich werfen. Solche Aktionen machen in München nur Verrückte, und vor Verrückten hat man Angst. Und sollte mich tatsächlich jemand ansprechen, dann wären das wohl Polizei-Beamte, die niemals nachvollziehen werden, wie und warum ein Mensch nur so aus der Reihe tanzen kann. Nach einer ordnungsgemäßen Ausweißkontrolle würden sie mir dringend empfehlen, in eine der zahlreichen Nervenkliniken dieser Stadt zu gehen, wo nette und erfahrene Ärzte sich um mich und meine Probleme kümmern werden. Das ist alles. Widerstand macht halt nunmal keinen Sinn. Sehen Sie das endlich mal ein, junger Mann! Sie sind doch so intelligent, warum setzen Sie ihre Intelligenz nicht sinnvoll ein, um irgendwas im Leben zu erreichen? Sie könnten doch Karriere machen, eine tolle Wohnung finden und eine Menge Geld machen. Vor ihrer Tür würde eine schöne BMW-Limousine stehen, ihre Nachbarn würden sie beneiden, sie hätten eine liebe Frau, glückliche Kinder und viele viele Freunde...
Wer liegt hier falsch - ich, oder die netten und erfahrenen Ärtze in den Nervenkliniken? In Berlin würde man sagen: «Die Ärzte in den Nervenkliniken». In München: «Ich». Ich bin ein Wiederständler auf einsamen Posten. In Berlin würde ich in der Masse untergehen. In München würde mich die Masse unterkriegen. Besser gesagt: sie hat mich schon untergekriegt. Deshalb halte ich lieber meine Fresse und bin schön unauffällig. Erst wenn ich wieder in Berlin unterwegs bin, blühe ich richtig auf. Zu Hause angekommen, verfluche ich mich jedes mal auf's Neue: «Du Depp, warum bist du nur nicht dort geblieben? Was willst du hier?»
Die Frage, ob München oder Berlin, ist stellvertretend für eine grundsätzliche Überlegung, nämlich: Welche Leute sind geistig weiter? Leute, die eingesehen haben dass der Wiederstand keinen Sinn macht, oder Leute, die eingesehen haben dass der Wiederstand der einzig richtige Weg aus einer kranken Gesellschaft ist?..
Eine gute Frage.
Oder: ist die Gesellschaft vielleicht gar nicht krank sondern nur die Leute, welche die Frechheit besitzen, diese Gesellschaft als krank zu bezeichnen? Leute wie Schopenhauer zum Beispiel. Diesen Leuten steht es freilich zu, einen solchen Gedanken zu äußern. Leute wie ich tragen das Risiko, als überheblich, arrogant und größenwahnsinnig empfunden zu werden. «Was der Jupiter darf, darfst du Esel noch lange nicht.» Und trotzdem...
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Dank meinen reichen und berühmten Schauspieler-Großeltern war mein Leben ursprünglich dazu bestimmt, ein verzogenes und gelangweiltes Bonzenkind aus Gutem Hause zu werden. Doch es kam etwas völlig Anderes: ich wuchs alleine mit meiner überarbeiteten Mutter in einem Betonblock-Ghetto am Rande von Moskau auf und hatte relativ früh das Vergnügen, den (etwas bitteren) Geschmack der Strasse zu kosten. Mit Fäusten, Knüppeln, Pflastersteinen und so. Meine Jugend verbrachte ich «am Rande der Gesellschaft» - Asylantenheime, Notunterkünfte, Kinderheime, Polizeistationen, Klapsmühlen und Bekloppten-Schulen. Fehlt eigentlich nur noch die Heroin-Szene, Straßen-Strich und Knast, dann ist meine «Lebenserfahrung» so ziemlich komplett. Und ich bin auch noch so verdammt stolz auf mein Leben. Weil ich immer noch hier stehe, mit einer grinsenden Mine, während die verzogenen Bonzen-Kiddys sich reihenweise vor die U-Bahn werfen, sobald sie anfangen auch nur ein Hauch von dem zu erleben, was ich bisher erleben durfte. Im Grunde genommen bin ich auch nur deswegen so stolz, weil ich ja selber ein verzogenes Kind bin. Ich wäre es bestimmt nicht, wenn mein Schicksal von vornherein die Straße wäre...
Irgendwann hatte ich die Schnauze voll, immer nur bis zum Hals in der Scheisse zu stecken. Ich wollte den darwinistischen «American Way Of Life» gehen und mich aus meiner Scheisse herausziehen. Also absolvierte ich mit großen Erfolg eine Ausbildung zum Computertechniker, machte meine Mittlere Reife mit Note 1,5 und fand einen gutbezahlten Job in einer Branche, wo man mit feinen Anzügen und seidenen Krawatten rumläuft und abends Champagner aus feinen Kristall-Gläschen nippelt. Eines Tages stand ich dann vor der Wahl: Krawatte oder durchlöcherte Jeans? Bücken, oder die Würde bewahren? Ein Yuppie werden, oder ein Revoluzzer bleiben? Viel Geld, oder bittere Armut? Arbeiten-Schlafen-Arbeiten, oder Rock'n'Roll? Ellbogen, oder Mitmenschlichkeit? Bin ich bereit, meine lieben Kollegen in den Dreck zu stampfen, um selber gut rauszukommen? Bin ich bereit, ein egozentrisches Leben in Einsamkeit zu führen, mich 150%ig für die Firma aufzuopfern und das viele Geld am Ende des Monats als die einzig wahre Belohnung anzusehen?
Anfangs war ich ziemlich naiv und dachte, es könnte auch sowohl-als-auch funktionieren. Doch es funktionierte nicht. Zumindest nicht so reibungslos, wie ich es mir vorgestellt habe. Man kann nicht im Herzen Rock'n'Roll zelebrieren und gleichzeitig einen auf leistungsorientierten Workaholic zu machen. Die Vorgesetzten mit der seidenen Krawatte merken sehr schnell, auf welcher Seite man eigentlich steht. «Entweder, Sie haben die Motivation etwas zu erreichen, oder sie haben die Motivation nicht.» Ich hatte sie nicht. Ich wollte nichts erreichen. Ich wollte einfach nur meinen Job machen und dafür meine Kohle kassieren. Mehr nicht. Motivation für Karriere - nix. Bereitschaft, dem Boss tief in den Arsch zu kriechen - nur über meine Leiche. Solche Leute bleiben nicht lange. Und ich blieb auch nicht lange. Letztendlich saß ich beim Arbeitsamt. Gott sei dank haben wir in Deutschland das soziale Netz welches uns erlaubt, die Würde höher zu werten als den Job. Noch.
Ein anderer «Kollege» hat sich für den anderen Weg entschieden. Er ist sehr tief in den Arsch gestiegen, hat seine Kollegen verraten und verkauft, engagierte sich 200%ig für die Firma und wurde letztendlich befördert, Schritt für Schritt. Er sitzt heute einsam in der Chefetage, trägt einen teuren Anzug mit seidener Krawatte und hat eine Abteilung unter sich, die er nach Lust und Laune vergewaltigen kann. Von seinen Mitarbeitern wird er gehaßt und gefürchtet, von seinen Vorgesetzten belächelt, von seiner Freundin verlassen. Nach seinem 12-Stunden-Job geht er in seine schicke Wohnung, schließt sich ein und verbringt den Rest des Abends alleine mit sich selber und seiner Illusion von einem glückseligen Leben. Freunde hat er keine. Am Wochenende setzt er sich auf sein schickes Fahrrad und fährt einsam in die Berge. Oder geht einsam in die Natur zum Wandern. Oder geht einsam in irgend ein Museum. Oder geht einsam in irgendwelche Clubs und kommt einsam wieder nach Hause. Oder sitzt einsam in seiner Wohnung herum und wartet auf den Montag, auf seinen heißgeliebten Job. Sein heißgeliebter Job ist alles, wofür er noch lebt; alles, was er noch besitzt. Wenn man ihm das wegnehmen würde, dann hätte er nichts mehr. Eines Tages wird er zum obersten Boss der Firma befördert, er wird mit Luxus-Limousinen zu wichtigen Geschäftsessen rumkutschiert und das Wochenende auf seiner Luxus-Yacht am Starnberger See verbringen. Vielleicht wird er eines Tages, wenn er schon alt und grau ist, sich fragen, wofür er das alles überhaupt gemacht hat. Ob er denn wirklich gelebt hat. Vielleicht. Wahrscheinlich eher weniger. Und dann, eines wunderschönen Tages, wird er abkratzen, wie jedes andere Lebewesen auch. Niemand wird zu seiner Beerdigung erscheinen. Wer sollte denn auch kommen? Seine Mutti? Die schon seit Ewigkeiten tot ist?
Wenn ich jemandem in München meine Geschichte erzähle, dann ernte ich in der Regel Bewunderung und Bedauern. Bewunderung dafür, daß ich trotz meiner düsteren Vergangenheit es zu einer Abgeschlossenen Berufsausbildung und Mittleren Reife gebracht habe. Bedauern, weil ich trotz meiner abgeschlossenen Berufsausbildung und Mittleren Reife am Arbeitsamt rumhänge. Wenn ich in Berlin-Friedrichshain unterwegs bin und dort einen Typen mit Tätowierungen an den Armen treffe und ihm meine Geschichte erzähle, dann schüttelt er den Kopf und sagt mir, daß ich es alles hätte sparen können. Der Typ ist in Friedrichshain geboren, ist in Friedrichshain aufgewachsen und läßt sich von niemandem vertreiben, «auch nicht von irgendwelchen BWL-Fuzis, die das Viertel luxussanieren und Stück für Stück erobern». Er hat keine Mittlere Reife, keine abgeschlossene Berufsausbildung, lebt vom Sozialamt und zwischendurch mal von irgendwelchen ABM-Jobs. Seinen Tag verbringt er mit vielen vielen Leuten, Sex, Alkohol, Drogen und Rock'n'Roll. Es dauert wohl nicht mehr allzu lange, und dann wird dieser Typ ebenfalls abkratzen, wie jedes andere Lebewesen auch. Viele viele Leute werden zu seiner Beerdigung erscheinen, glaub ich zumindest. Viele viele Leute werden ihn vermissen, zumindest für einige Zeit. Aber so ist das Leben. Jeder muß eines Tages gehen. Und jeder wird sich wahrscheinlich am Schluß die Frage stellen: Hab ich wirklich gelebt? Ist es das, was ich wirklich wollte?
Schon seltsam, daß die ganzen jungen Leute aus wohlhabenden Familien sich nach der Straße sehnen. Nach außen hin zeigen sie sich natürlich beneidenswert, doch ganz tief im Herzen beneiden sie die ganzen ausgeflippten und abgebrühten Leute von der Straße. Die ausgeflippten und abgebrühten Leute von der Straße haben wiederum nur tiefe Verachtung für die Bonzen-Kiddys übrig. Ein bißchen Neid vielleicht (das hören die Bonzen-Kiddys immer gerne), aber eben nur ein bißchen. Vielleicht sind die ausgeflippten und abgebrühten Leute von der Straße ja in Wirklichkeit ziemlich unzufrieden mit ihrem Leben; vielleicht würden sie auch gerne seidene Krawatten tragen und mit fetten BMW's durch die Straßen crousen? Das wissen wir nicht. Fakt ist jedoch, daß die meisten verwöhnten Bonzen-Kiddys ziemlich unzufrieden mit ihrem Leben sind. Sie ziehen sich den ganzen Gangsta-HipHop-Shit rein und träumen von einem Leben im Ghetto. Irgendwas stimmt da nicht. Wenn das Leben auf der Straße wirklich so scheisse sein soll (zumindest beschissener als das Leben in einer Vorstadt-Villa), warum zieht dann die Straße solche Leute magisch an?
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Was hat nun dieses verstaubte 68er-Klassenkampf-Revoluzer-Blabla mit Rock'n'Roll zu tun? Nun, die Wechselwirkung zwischen der Gesellschafts-Klasse und Rock'n'Roll wird am deutlichsten in der schnulzigen Hollywoodl-Kommerz-Produktion «Titanic» dargestellt - ausgerechnet. Nach einer kurzen Visite bei den feinen Pinkeln, die allesamt verkrampft vor ihren Gläschen sitzen und auf einen guten Eindruck bedacht sind, entführt Leonardo DiCaprio seine Geliebte in die Abgründe der Gesellschaft, wo «die richtige Party statt findet». Wo die Leute literweise Wein aus der Flasche saufen, auf den Tischen tanzen, schreien, jubeln und singen, so richtig ausgelassen, unverkrampft, frei. Was DiCaprio in seinem Film mit aller Deutlichkeit vor Augen führt, ist kein verstaubtes 68er-Klassenkampf-Revoluzer-Blabla, sondern immer noch die pure Realität. Eine der besten Partys meines Lebens verbrachte ich nicht in irgend einem Schwabinger In-Cafe, sondern in der Notunterkunft München-Neuperlach. Erst wenn die Menschen ganz unten angekommen sind und nichts mehr zu verlieren haben, erst wenn die Fassade völlig weg gebrochen ist, erst dann wird eine ehrliche, unverkrampfte Auseinandersetzung von Mensch zu Mensch möglich.
Klingt fast so, als könnte man in München kein Rock'n'Roll erleben, als wäre sowas nur in Berlin möglich. Ja, das klingt verdammt traurig, ist aber letztendlich die Wahrheit. Vor 30 Jahren konnte man das vielleicht, doch die Zeiten sind längst vorbei. Leider wohnen in München viel zu viele Leute, die viel zu sehr auf den äußeren Eindruck bedacht sind. Dementsprechend ist die Atmosphäre in einem Lokal oder «Club» so, wie bei einer schlechten Betriebsfeier: «Nur nicht auffallen, was könnten die Leute denken, was wird der Chef machen?» Rock'n'Roll beschränkt sich in München auf «Schnipp-Schnapp-Schnappi» oder auf »Anton aus Tirol». Und auch die sogenannten «alternativen» Leute haben in München den Touch des Pseudo. Ein Freak mit teurem Handy und Business-Master-Plan - was soll das für ein Freak werden, bitte? Ein wirklicher Freak lebt nach meinen Begriffen von 300 Euro Monatlich, sitzt mit den anderen Freaks in Berlin am Boxagener Platz, sammelt Altglas und Zigarettenstummel und raucht Gras aus der Konservendose. Er hat immer einen witzigen Spruch für die heimischen Leute auf Lager, sowie eine bissige Bemerkung für Leute, deren Kleidung verrät, daß sie sich in dem Viertel verlaufen haben. Solche Freaks findet man in München so gut wie gar nicht. Es ist ja auch nicht einfach, ein Freak in München zu sein. Erst neulich, letzten Samstag, war ich mit meinem Kumpel am Marienplatz. Dort hockten etwa 15 Punks, eine halbnackte Band spielte E-Gitarre und Schlagzeug, und irgend so Typ mit einem rosaroten Hasenanzug mit Hasen-Ohren rannte herum und quatschte die Passanten an. Ich stand also da und war gerade dabei, meine Ansichten über München zu revidieren. Nach 5 Minuten kamen etwa 10 Bullen und säuberten den Marienplatz von dem «Abschaum der Gesellschaft» - übriggeblieben sind nur noch die Omis und Opis mit Einkaufstüten, feine Herren mit Anzug und Krawatte und brave Familienväter inkl. Mutti und Sohnemann. Deprimierend, nicht?
Was ist nun besser - das Elend der armen Leute, oder das Elend der Schickeria? (Siehe Moshammer)
- Rock'n'Roll zu zelebrieren, folglich mit 50 abzukratzen, und dann zurückblicken und von sich behaupten zu können: «Ich habe gelebt«?
- Oder ein ruhiges, planmäßiges, «gesundes» Leben zu führen, 100 Jahre alt zu werden, um dann von sich behaupten zu können: «Ich bin gut durch's Leben gekommen»?
Eine gute Frage.