Igor K - Die SNOBalisierung der Stadt München und ihre Auswirkung auf das Zwischenmenschliche
(Aus dem Jahre 2003)

14 Jahre habe ich gebraucht, um an diesem Punkt anzukommen. 14 Jahre lang liebte ich diese Stadt vom ganzen Herzen und war bereit, ihr alles zu geben: mein ganzes Geld, meine ganze Freizeit, meine Kreativität, einfach alles. Mein Vater wurde vor 8 Jahren abgeschoben, meine Mutter ist vor 7 Jahren gestorben, und ich bin immer noch hier. In München. Schreibe unaufhörlich Geschichten und Lieder über diese Stadt. Habe an allen möglichen und unmöglichen Ecken dieser Stadt gewohnt: Pasing, Maxvorstadt, Bogenhausen, Au, Gern, Fürstenried, Berg-am-Laim, Giesing und Münchner Umland. Und wenn du mich fragst: ja, ich liebe diese Stadt immer noch vom ganzen Herzen. Darum habe ich bisher auch nicht über's Herz gebracht, diese Stadt zu verlassen, trotz all der Scheiße, die bei hier abläuft. Doch immer mehr und mehr komme ich an den Punkt, wo ich mich echt frage: was willst du hier überhaupt noch? Was hält dich hier? Ja, was hält mich hier? Nichts. Nur meine Liebe. Die ich zu einer anderen Stadt mit Sicherheit auch finden werde. Ich werde eines Tages diesen Schritt machen MÜSSEN weil ich zunehmend merke, wie unglücklich ich hier bin.

Leute fragen mich: was stört dich denn so an München?

Was mich an München so stört...

- Nicht der Umstand, dass München ein einzigstes Millionendorf ist, in dem sich gerade mal 5 Plätze finden, an denen man sich wie in einer richtigen Großstadt fühlt.

- Nicht der Umstand, dass München die Hauptstadt von Bayern ist, und somit vom typisch-bayerischen, streng-konservativen Traditions-Denken geprägt ist: die Kneipen machen pünktlich um 2 dicht; am Dienstag haben einige Friseure, traditionsgemäß wie vor 100 Jahren, geschlossen; noch immer darf kein Gebäude in München höher als die Frauenkirche - das Symbol der Stadt - sein. (Wobei man fairer weise erwähnen muss, dass die Stadtverwaltung diese Regelung vor Kurzem gelockert hat. Nun gibt's schon die ersten beiden Wolkenkratzer, etwa 10 weitere folgen noch.)

- Nicht die Tatsache, dass in München das ganze Jahr über - bis auf die Oktoberfestzeit - vollkommen tote Hose ist, ganz zur Freude der konservativen Mächtigen, die in dieser Stadt das Sagen haben. «Sicherheit geht vor Freiheit» - eine typisch konservative, krankhafte, therapiebedürftige Einstellung á la Stoiber & Co. Die ganze übertrieben-konservative (von «konservieren» - etwas bewahren, für möglichst lange Zeit, am besten für alle Ewigkeiten) Einstellung entsprang dem Gehirn eines 2jährigen Kindes, welches Angst vor Veränderungen, Angst vor etwas Neuem hat. Ganz Bayern (und bald wahrscheinlich auch ganz Deutschland) wird von 2jährigen Kindern regiert. Normalerweise schickt man solche Leute in eine Psychotherapie, die bis zu 6 Jahren dauern kann. Bei uns kommen solche Leute in die Politik. Und dann fragst du mich noch, was mir an München nicht gefällt?! (Man muss aber dazusagen, dass das typisch Münchnerische «Passt scho» überhaupt nicht in das konservative Schema reinpasst. München ist «eigentlich» im Herzen blutrot, dazu später.)

- Nicht die Tatsache, dass die in ganz Deutschland berühmt-berüchtigte Münchner Polizei alles - wirklich alles - unter Kontrolle hat und alles unterdrückt, was irgendwie mit Freiheit und Ordnungswidrigkeit zu tun hat. Angefangen mit Rumliegen bei heißen Sommer am Gärtnerplatz, über Bier Trinken in der Innenstadt, bis hin zu Underground-Partys in verlassenen Bunkern - NICHTS darf man. «Sicherheit geht vor Freiheit» - der Stoiber als Repräsentant des Bayerischen Volkes will das so, und darum wird gegen potenzielle Sicherheits-Störer hart durchgegriffen. Manchmal wünsche ich mir, die Münchner Bullen (die um 4 Uhr nachts aus, wohl lauter Langeweile, Leute anhalten und fragen, was ihnen einfällt, bei Rot eine leere Straße zu überqueren) würden mal für 2 Wochen nach Berlin gehen. Oder nach New York. Oder nach Moskau.

- Nicht die Tatsache, dass München durch und durch von Macht- und Geldgier durchdrungen ist. Statt Miteinander ist das Gegeneinander an die Stelle getreten, eine typische Entwicklung, die durch Geldgier und Machtsucht ausgelöst wird. Fette BMWs und Porsches, die auf der Leopoldstrasse erbittert um die Wette flitzen. Jeder will der Beste sein. Der Schnellste. Der Coolste. Der Mächtigste. Jeder potenzielle Rivale wird mit allen Mitteln ausgeschaltet. Gott sei dank zählt man als armer, U-Bahnfahrender 23jähriger ohne eigenen Porsche nicht als Rivale. Man hat so seine Ruhe. Nein, nicht ganz. In der U-Bahn geht's nämlich weiter: jeder will mit seinen teuren Kleidern und schicken Style zeigen, dass er der Bessere ist. Sieht jemand nicht stylisch genug aus, wird er nicht etwa aus dem Spielchen ausgeschlossen und in Ruhe gelassen, nein - er wird unaufhörlich, provokativ von oben bis unten dumm angeglotzt und dumm angegrinst. Diese stylischen Überflieger halten selbstverständlich ihre eigene kleine Welt als die einzigste Realität auf Erden (wie jeder andere Mensch halt auch), nach der jeder gemessen wird; und jeder wird in ihr Spielchen einbezogen, ob derjenige will oder nicht.

- Nicht der Umstand, dass München partytechnisch und musiktechnisch absolut NICHTS zu bieten hat (bis auf 2-3 Ausnahmen), die Leute keinen Musikgeschmack haben und auch nicht die leiseste Ahnung, was eine coole Party überhaupt ist. Eine coole Party, wo auch andere Musik läuft, außer Top-10-Kommerz-Scheißdreck und Schlumpf-Techno (man bezeichnet diese chartverdächtige Dance-Musik neuerdings als «Trance». Witzig, oder?). Wo man ungezwungen und ausgelassen feiern kann, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie man aussieht, wie man tanzt, was man sagt, und so weiter. Was soll die Scheiße, bitte? Wozu geht Ihr, arrogante Stricher, denn bitte auf ne Party, hä? Wozu?? Um ausgelassen zu feiern und abzuschalten, oder um eine Modeshow / Benimmshow zu veranstalten? In München eher das Zweite. Sowieso. Was erwartest du von einer Stadt, die in Geld, Style, Arroganz, Egoismus und Schön-Sein-Wollen erstickt? In Berlin jedenfalls, wo gute Laune und persönliche Ausstrahlung mehr zählt als schicke Kleider und stylische Frisur, würde man Euch, arroganten Strichern, ein Paar Sprengkapseln in den Arsch reinschieben. Und mit Recht.

Nein, das alles stört mich nicht. Ich würde mich damit voll zufrieden geben, wenn es da nicht einen ganz bedeutenden Punkt geben würde: die Leute.

Ja, die Leute. Sie treiben mich in den Wahn, in die Verzweiflung. Ich kann einfach nicht mehr. Wenn ich länger in dieser Stadt bleibe, gehe ich psychisch drauf. Für mich wird es höchste Zeit, diesem ganzen Scheißreck entgültig den Rücken zuzukehren.

Schau dir doch unsere Leute mal an! Ihre grimmigen, unzufriedenen Fressen. Wieso ziehen denn die Leute solche Fressen? Sie hätten doch kein Grund dazu - sie wohnen in einer wunderschönen Stadt, haben schöne und gutbezahlte Jobs, leben in ihren mehr oder weniger schönen Wohnungen... Was fehlt denn den Leuten? Vielleicht Freunde? Vielleicht das Zwischenmenschliche? Die Kommunikation, der Austausch, das Miteinander? Vielleicht sind ja all die Leute deshalb so unzufrieden, weil sie EINSAM sind?

Schau dir doch mal an, was in unseren Stadt abgeht. Wo ist da bitte das Zwischenmenschliche? Wo ist da die Kommunikation? Wo ist das Miteinander? Ein Haufen Scheißdreck!!! Die Leute sind alle total vereinsamt. Jeder lebt nur für sich dahin und kümmert sich nur um sich selber. Jeder spricht lieber mit sich selber (Tatsache!), bevor er mit einem anderen Menschen spricht. Es ist den Leuten peinlich, andere Leute anzusprechen. Es ist den Leuten peinlich, angesprochen zu werden. Jemand, der andere Leute anspricht, entpuppt sich in München als jemand, der es nötig hat. Jemand, der keine eigenen Freunde hat. Und so was ist peinlich. Was machst du denn bitte, wenn du neu in der Stadt bist und logischerweise keine Leute kennst? So kommt es wohl nicht von Ungefähr, dass ausgerechnet in München die Leute damit rumprotzen, wie viele Leute sie doch kennen

Wenn du in Berlin auf die Leute zugehst, dann labern sie vollkommen ungezwungen mit dir, haben ein Interesse für dich, möchten dich irgendwo mitschleppen, möchten sich gerne mir dir wieder treffen. Wenn du in München auf die Leute zugehst, dann schauen sie dich dumm von der Seite an, nach dem Motto: «Was ist den das für ein Spinner? Was will der denn von mir? Hat er etwa keine eigenen Freunde?» Was ist das für ein verdammter Scheißdreck, bitte? Wie willst du so jemals neue Leute kennen lernen? Wie willst du jemals Freunde finden? Und komme mir jetzt bitte nicht mit so pseudo-psychologischen Sprüchen wie «da bist du ganz alleine schuld! Dass du keine Leute kennen lernen kannst, liegt einzig und alleine an deiner Verklemmtheit, an deiner sozialen Inkompetenz!» Kleine Möchtegern-Psycho-Tante! Was denkst du, was du überhaupt bist? Bist du was besseres? Bist du Jesus Christus oder Mutter Theresia und willst so armen Opfern wie mir den rechten Weg weisen? Denkst du, du kennst mich schon nach 5 Minuten und kannst mich beurteilen? Du kannst von Glück reden, dass du in dieser Stadt deinen Stecher gefunden hast, der deshalb mit dir zusammen ist, weil er auf deine Möse so geil ist. Kannst vor Glück reden, dass deine Eltern in dieser Stadt leben und noch nicht tot sind. Kannst von Glück reden, dass du am Arbeitsplatz ein Paar nette Kollegen kennen gelernt hast, die sich mit etwas Glück ab und zu mit dir treffen. Deshalb musstest du nie das Gefühl der Einsamkeit spüren und bildest dir auch noch ein, dass es ganz alleine dein Verdienst sei. Weil du so nett und entzückend bist, und die Leute deshalb auf dich voll abfahren. Träum weiter deinen süßen Traum. Wieso bildest du dir nach zwei pseudo-psychologischen So-Durchschaue-Ich-Die-Anderen-Menschen-Büchern vom Hugendubel plötzlich ein, dass du jetzt der end krasse Checker bist, wo du nicht mal weißt, dass der Mensch von seiner Umgebung abhängig ist und durch sie beeinflusst wird? Komm, geh nach Schwabing. Da gehörst du echt hin. 

Komm mir bitte auch nicht mit Sprüchen wie «ja mei, das ist halt typisch Großstadt. Auf dem Land, ja da sind die Leute wie ein Familie. In der Großstadt herrscht halt die Anonymität». Oida, erzähl mir bitte nix über Großstädte. Ich bin in einer Stadt geboren und aufgewachsen, die 8x mehr Einwohner hat und 8x so groß ist, als wie das Millionendorf München. Anonymität ja, aber Einsamkeit - so krass war das bei uns nicht. Was ich aus anderen Großstädten so mitkriege, bestätigt letztendlich nur das, was ich gesagt habe. Geh nach Berlin, geh nach Hamburg, geh nach Paris, geh nach London, und überzeug dich selber. München ist Deutschlands Single-Stadt Nr.1. Das weiß mittlerweile jeder Depp. Was meinst du, warum das so ist, hä?

Komm mir auch nicht mit solchen Tipps wie: «Ja, da musst du halt öfters mal weggehen, dann lernst du schon Leute kennen.» Wie bitte? Meinst du das jetzt ernst? Nicht wirklich, oder? Geh doch von mir aus mal nach Schwabing und gucke dir diese ganzen aufgestylten, arroganten, selbstsüchtigen Lackaffen mal an. Den ganzen Tag hocken sie einsam in ihrer Wohnung und machen sich hübsch für Schwabing. Dann rufen sie ihre gleichgesinnten Weggeh-Kumpels an und ziehen los. Zuerst in ein überfülltes «Szenen»- oder «In»-Cafe, dann ins andere, dann in noch eins. Es wird immer später und später, der Geldbeutel wird immer dünner und dünner, die Typen immer besoffener und besoffener. Jeder sitzt rum, in seiner pseudo-coolen, arroganten Arschloch-Pose, zeigt der Menge, was für ein schickes Handy er sich neulich gekauft hat, wie teuer sein Anzug war, was für ein fetter BMW-Cabrio vor der Tür steht, was für einen geilen Job und eine schöne Freundin er doch hat. Die Hälfte davon ist natürlich gelogen; sein Cabrio ist extra für diesen Abend zum rumprotzen geliehen worden; seine «Freundin» ist in Wirklichkeit ne Schwabing-Bitch, die auf den nächsten Typ mit Kohle aus ist, der sie auf ein Champagner einlädt; in Wirklichkeit arbeitet er im Supermarkt an der Kasse, und fast sein gesamtes Gehalt geht für die Miete drauf. «Ich bin besser als ihr» - um dieses Thema drehen sich auch 90% aller «Gespräche» in den zahlreichen «In»-Cafes. Sinnloses, oberflächliches Smalltalk-Gelaber, vollkommen geschmacklos, vollkommen überflüssig, nichts als Zeitverschwendung. Jeder versucht verzweifelt den anderen zu beweisen, dass ER der bessere, der glücklichere, der erfolgreichere ist. Keiner hört dem anderen wirklich zu. Es lohnt sich ja auch gar nicht, denn das was der andere erzählt ist ja eh bloß nur inhaltslose Selbst-Profilierung, billige Schaum-Schlägerei. Sie sitzen zusammen in einer Gruppe, und doch ist jeder einzelne total einsam. Es herrscht eher ein Gegeneinander, anstatt ein Miteinander; das Thema hatten wir ja bereits. (Ganz abgesehen von der Tatsache, dass mindestens die Hälfte der schicken, reichen Leute total auf Koks sind. Aber irgendwie muss man ja das ganze viele Geld sinnvoll nutzen.) Einigkeit herrscht in der Gruppe fast nur dann, wenn zufällig ein armes Opfer gefunden wird, ob am selben oder am benachbarten Tisch. «Oh mein Gott, sieh dir den Typen da hinten nur mal an! Wie der ausschaut... oh mein Gott! Diese Hose... total aus der Mode raus. Und dann noch diese Schuhe... Dass sie den überhaupt hier reingelassen haben...» Jetzt sag mir mal, mein Lieber: was würdest du tun, wenn du in so einem «In»-Cafe jemanden kennen lernen willst? Na? Fällt dir da jetzt auf die Schnelle nix ein? Komisch, komisch... Macht nix, ich erzähle dir einfach, wie der Abend ausläuft: um 1, spätestens 2 Uhr Nachts macht der Laden dicht und unsere tollen, bewundernswerte Weggeh-Freunde stehen draußen. Die Leute verabschieden sich von einander, jeder geht zu sich nach Hause, legt sich besoffen ins Bett und fühlt sich genau so einsam wie vorher. Komisch, komisch. Vielleicht gelingt es einem, ein Mädel zu sich nach Hause mitzunehmen. So muss er wenigstens diese eine Nacht nicht alleine im Bett schlafen. Am nächsten Morgen weiß er nicht mal, wie sie heißt. Die nächste Nacht und darauffolgende Nächte schläft er wieder alleine in seinem Bettchen, so wie er es immer gewohnt ist. Eine Woche später sieht er das Mädel im gleichen «In»-Cafe, diesmal aber am anderen Tisch, mit einem anderen Typen, der noch größere Wohnung, noch besseres Handy und noch geileren Job hat. Das Mädel sieht natürlich unseren tollen Freund, tut aber so, als würde sie ihn nicht kennen. Er tut das gleiche. Er will ja nicht als ein schwachnerviger Spielverderber dastehen, der keine Niederlagen ertragen kann. Und mit Niederlagen hat er ja mittlerweile genug Übung, er wird natürlich auch diese Niederlage einstecken (müssen). «Mei, du armer Typ! Du bist halt nicht reich genug, um Leute kennen zu lernen...» - diesen bitteren Schluss wird unser Freund vielleicht eines Tages ziehen. Er wird wahrscheinlich nie dahinter kommen, dass das Zwischenmenschliche vollkommen unabhängig vom Ruhm und Reichtum ist. Dass das viele Geld und die vielen «In»-Cafes nur eine Ablenkung darstellen; eine Ablenkung vor dem Wirklichen, Wahren, Wesentlichen, was man mit Geld nicht kaufen kann. Dass das Geld die Menschen nicht näher bringt, sondern sie immer mehr voneinander entfernt.

Ist das deine Welt? Fühlst du dich dort wohl? Bitte, bleibe dort und werde glücklich. Meine Welt ist es jedenfalls nicht. Ich weiß, ihr Schwabinger Weggeh-Typen betrachtet solche Leute wie mich als «Loser». Weil solche Leute wie ich euer dreckiges, unmenschliches Spielchen nicht mitspielen, keinen teuren Anzug haben, kein Geld zum Ausgeben, kein Cabrio und stattdessen mit der U-Bahn fahren. Doch in Wirklichkeit seid IHR die totalen Loser. Ihr lebt in eurer Fassadenhaften Schwabinger Traumwelt und habt Angst, der Realität in die Augen zu blicken. Solche armen Lutscher wie euch nennt man «Überflieger». Ihr fliegt ganz hoch hinaus, immer höher und höher, bis ihr irgendwann wieder auf dem harten Boden landet; bis eure Traumwelt Risse kriegt oder gar zerbricht. Und dann kommen wochenlange Depressionen und am Schluss gar Selbstmordgedanken, bis ihr wieder genug Kräfte gesammelt habt und einen neuen Anlauf nimmt, wenn möglich, dann diesmal noch weiter, noch höher. Und so dreht sich euer ganzes Leben immer im selben Kreis, und ihr seid zu eingefahren, zu feige, um diesen Teufelskreis zu durchschauen und zu durchbrechen. 

«Und», denkst du dir jetzt vielleicht, «wer hat denn gesagt, dass du unbedingt nach Schwabing gehen sollst? Kann man wo anders keine Leute kennen lernen?» Ok, pass auf: die Geschichte mit Schwabing habe ich nicht umsonst so breit ausgetreten. Ganz München lebt nach diesem Schema. In manchen Stadtteilen sind die Leute herzlicher, in anderen arroganter, doch es läuft überall der gleiche Scheißdreck: Einsamkeit, Egoismus, Arroganz. Man könnte sagen, die Menschen in den Ghettos wie Hasenbergl, die von der Stadt ausgeschlossen, ausgestoßen wurden, haben mehr Zusammenhalt untereinander; die soziale Komponente ist dort stärker ausgeprägt. Dafür herrscht dort das übliche Elend, die übliche Scheiße, die in einem Ghetto halt so abläuft. In Stadtteilen, wo überwiegend die Geldsäcke leben, geht's kälter, unherzlicher zu. Da sieht man wieder mal deutlich, wie das Geld die Menschen kaputt macht. Oder waren sie etwa schon vorher kaputt und das Geld ist nur das Mittel davon? Eine gute, philosophische Frage. Die ich vorerst nicht beantworten kann/will.

Nun ja, zurück zu deiner Frage. Klar steht in München das selbe Angebot zur Verfügung, wie überall auch: Clubs und Vereine, Single-Treffs und der gleichen mehr. In München gibt's übrigens eine ganze Reihe von Single-Treffs, deren Teilnahme zum Teil richtig viel Geld kostet. Wie war das? München ist Single-Stadt Nr.1? Man kann in solchen Institutionen tatsächlich Leute kennen lernen, nur lauft es viel mühsamer und dauert viel länger, als anderswo. Und somit sind wir wieder am Anfang dieser ganzen Geschichte angelangt: München.

Hey Oida, ich sag dir jetzt mal was: ich hab doch kein Bock, regelmäßig in irgend so einen Schachclub und Single-Treff zu rennen, um dort um die Gunst der Leute zu kämpfen! Ich bin es eigentlich gewohnt, in der Nachbarschaft, auf der Straße, in der Bäckerei, im Cafe, im Park, in der U-Bahn Leute kennen zu lernen. So ganz easy, ganz unregulär, ohne irgendwelche dämlichen Single-Treffs! Versucht man in München jetzt sogar mit Leute-Kennenlernen Geld zu machen? In was für einer Zeit leben wir eigentlich? An was für einem Ort leben wir eigentlich? München, ja, ich weiß. Super.

Ich hatte das verdammte Glück, dass ich paar Mal im Heim gelandet bin, dass ich hier auf die Schule gegangen bin. Deshalb, und nur deshalb, habe ich hier in München Freunde gefunden. Aber was macht jemand, der frisch nach München gezogen ist? Was? Wo soll er hin gehen? In Schachclub und Single-Treff, logo. Ganz toll.

Warum ist München so vereinsamt? Arrogant? Eiskalt? Diese Frage quält mich schon ne ganze Weilt. Einmal habe ich die Frage in ein Forum gestellt. Und bekam einige Zeit später eine ganz plausible Antwort: «Das Problem in München ist, dass die Leute viel zu geil für einander sind». Diese Antwort gibt mit einem Schlag genau das wieder, was ich 5 Seiten zuvor breit erläutert habe. Das Geld, das verdammte Geld ist es, was die Stadt so kaputt und praktisch unbewohnbar macht. Wenn ich reich bin, habe ich es plötzlich nicht mehr nötig, mich mit irgendwelche Versagern abzugeben. (Dann ist in meinen Augen jeder Mensch ein Versager, der nicht so viel Geld hat wie ich.) Ich kann mir dann alles kaufen: Essen, Trinken, Spaß, Sex und Freunde. Mit Geld läuft es halt viel unkomplizierter. Hast du viel Geld, kommen sofort die ganzen Speichellecker angekrochen. Du musst nicht erst mühselig Freunde suchen und Freundschaften aufbauen. Geld zeigt halt deinen Status. Ein Mensch, der viel Geld hat, kann ja kein einfacher Trottel sein und ist somit automatisch überall gern gesehen. Denkt man. Aber das ist erst mal Nebensache. Die Speichellecker sind deine besten und innigsten Freunde, natürlich nur solange du Geld hast. Aber wann kommst du schon mal in Situation, keins zu haben? Jemand, der kein Geld hat, hat es schon viel schwieriger. Die Speichellecker kommen dann nicht von alleine und man muss sich um echte Freundschaften bemühen. Wenn man die Speichellecker mal weglässt, bleiben da nicht mehr allzu viele Leute übrig. Leute, die auf eine echte Freundschaft wert legen, gibt's bei uns leider nur sehr wenige. Und diese Leute sind bereits schon so vergiftet von der Münchner Stimmung, dass sie den Schritt erst gar nicht wagen. Wer garantiert mir, dass ich nicht ausgelacht oder dumm angeglotzt werde, wenn ich Leute anspreche? Wer garantiert mir, dass derjenige, den ich anspreche, nicht in Ruhe gelassen werden will? In München wollen doch alle in Ruhe gelassen werden! Alle beschweren sich über die Einsamkeit, und trotzdem will jeder in Ruhe gelassen werden. Man kann sich schließlich nicht über die Verhaltensnormen dieser Stadt hinwegsetzen und einfach machen was man will und Leute anquatschen. Dann steht man ja als bekloppter da, und wer will schon einen bekloppten kennen lernen? Merkst du etwas? Ja genau, eine verdammte Sackgasse. Wie du es auch drehst und wendest, du kommst da einfach nicht raus, du bleibst einfach in dieser Scheiße stecken. Fazit: jemand, der in München andere Leute anspricht, ist entweder a) ein Bekloppter, oder b) ein frisch Zugezogener (also jemand, der es «nötig» hat), oder c) ein Wiederständler. Ich entscheide mich, wie sollte es auch anders sein, für c.

Der andere Grund, warum München so vereinsamt ist, könnten die Tausende von landflüchtigen Bauernburschis sein, die sich «endlich mal» in der Großstadt festgesetzt haben. Um das richtig verstehen zu können, muss man sich mal in die Lage einfühlen, in der sich die Stadt befindet. München ist, wie allgemein bekannt, die Hauptstadt von Bayern und auch die einzigste Millionenstadt im gesamten süddeutschen Raum. (Ich wäre zwar dafür, dass München ein eigenes Bundesland wird wie Hamburg oder Berlin, aber das ist jetzt nebensächlich.) Und in Bayern, wie ebenfalls allgemein bekannt, ticken die Uhren ein bisschen anders. Dass es hier überhaupt Strom, fließendes Wasser und Telefon gibt, grenzt schon an ein Wunder. (Wobei es im Bayerischen Oberland noch immer Ortschaften gibt, die kein Telefon haben.) Nirgendwo anders wird so erbittert und leidenschaftlich an der Tradition und der Heimat festgehalten, als wie in Bayern. Regelmäßige Besuche in der (katholischen, versteht sich) Dorf-Kirch' sind genau so selbstverständlich und allgemeinverpflichtend wie die Abende am Stammtisch beim Sepparl-Wirt oder freiwillige Dienstleistungen bei der Dorf-Feuerwehr. Dazu gehören auch Mitgliedschaften beim Burschenverein, beim Schützenverein und dem lokalen Fußballverein.

Die Leute leben im großen und ganzen friedlich miteinander. Manchmal werden Gerüchte über das ganze Dorf verbreitet, dass die Frau vom Huber Schorschi mit dem Kraxlinger Josef ins Bettchen gehüpft ist, aber das gibt's ja in ziemlich jedem Dorf, überall auf der Welt. Der Huber Schorschi haut dann dem Kraxlinger Josef beim Sepparl-Wirt nach der vierten Hoiben Bier ein Maßkrug an den Schädel, das gibt's eigentlich auch überall auf der Welt. Die kleine «EDEKA»-Gemischtwarenladen im Dorfkern neben der Kirch' macht pünktlich um 18 Uhr zu, am Samstag um 13 Uhr, ebenfalls pünktlich. Im benachbarten, 2 Kilometer entfernten Dorf gibt's ne Busverbindung in die nächste Kreisstadt. Der orangen-rote Bus fährt von Montag bis Freitag um 7:23 und 10:02 Uhr hin, und um 14:16 Uhr und 18:38 zurück. Samstag, Sonn- und Feiertag kein Betrieb. Des gibt's nur in Baiern.

Mit den Angehörigen der Evangelischen Glaubensgemeinschaft unternimmt man verzweifelte Versuche, sie mit dem rechten Glauben zu bekehren. Man stellt dann Kruzifixe vor die Haustür. Oder Veranstaltet dort Morgengebete. Oder schließt die Armen gar aus der Dorfgemeinschaft aus. (Die Geschichte lief mal vor Paar Jahren im Fernsehen.) Fremde werden eine Zeit lang zunächst mal misstrauisch «beschnuppert». Wenn sich dann irgend wann mal nach längerer Zeit herausgestellt hat, dass von dem Fremden keine Gefahr droht, werden sie nach und nach in die Dorfgemeinschaft teilweise (und manchmal auch gänzlich) aufgenommen, vorrausgesetzt - sie passen sich an.

Und hier sind wir an dem Punkt angekommen. Angenommen, du passt dich nicht an. Angenommen, du denkst und fühlst ein bisschen anders, hast andere Interessen, andere Weltanschauungen. Ja was ist dann? Tja, dann schaut's mit dem glückseligen Leben auf dem Bayerischen Land ziemlich düster aus. Es sei denn, du bist stark genug und kannst die völlige Einsamkeit und die sehr wahrscheinliche Demütigung durch die restliche Gemeinschaft ertragen. Ich glaube, kein Mensch ist so stark genug. Nicht auf Dauer. Spätestens dann ist die Zeit Reif für den Umzug in die nächste große Stadt. Aber meistens kommt es gar nicht so weit. Meistens ist es nicht der Mensch, der anders denkt oder fühlt, der vom Landleben die Schautze voll hat und unbedingt da weg will. Meistens sind es Menschen, die einfach diese ständige, völlige Bloßstellung vor der Gemeinschaft satt haben. Sie haben es satt, dass jeder immer auf dem neusten Stand ist, wo du gestern warst, mit wem du dich da getroffen hast und was ihr da gemacht habt. Sie haben es satt, dass sogar in den benachbarten Dörfern Gerüchte über dich in Umlauf gesetzt werden, die nicht einmal stimmen. Sie wollen das tun und lassen, worauf sie gerade Bock haben, ohne irgendwelche Leute im Rücken, die dich ausspionieren und gleich zu den anderen rennen, um den neuesten sensationellen Bericht abzuliefern, fein gewürzt mit dazuerfundenen Extras (oder «Schmankerl'n», auf gut bayerisch). Sie wollen nicht, dass jeder Depp im Umkreis von 10 Kilometer (und vereinzelt auch drüber hinaus) deinen Namen kennt und mit irgendwelcher Scheiße in Zusammenhang bringt. Kurz gesagt: sie wollen die absolute Anonymität. Und wo bekommen die sie?

In München. Ja in München, hier ticken die Uhren wiederum ein bisschen anders, als wie in Bayern. Und das weiß, komischerweise, so gut wie keiner. Wobei, dass in München die Uhren anders ticken als in Bayern, ist noch mild ausgedrückt. Exakter ausgedrückt hieße es: München und Bayern, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Es geht schon mal auf der politischen Ebene los: München wird seit 60 Jahren durchgehend (bis auf 2 Ausnahmen) von der SPD regiert. Das muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen - das Herz von hoffnungslos schwarzen Bayern schlägt rot. Aber es geht noch weiter. Die Geschäfte haben, wenn auch nicht überall, die ganze Woche bis auf Sonntag durchgehend bis 20 Uhr geöffnet. Am Hauptbahnhof sogar am Sonntag, und ansonsten gibt's an jeder Ecke ne 24-Stunden-Tankstelle, wo man sich notdürftig und richtig teuer eindecken kann. München hat ein europaweit vorbildliches Verkehrsnetz, bestehend aus 10 S-Bahn-, 8 U-Bahn-, 10 Trambahn- und Dutzend Buslinien. Die U-Bahnen fahren täglich bis 0 Uhr alle 10 Minuten, und dann bis 1 Uhr alle 20 Minuten, am Freitag und Samstag sogar bis 2 Uhr. Wow! Es gibt hier natürlich auch Strom, fließendes Wasser, und an jeder Ecke stehen öffentliche Telefonapparate mit Internetanschluss.

München ist eine weltoffene, schrille, bunte, grüne Metropole (na ja, mehr oder weniger) an einem wilden Bergflüsschen Namens «Isar», mit 1,3 Millionen Einwohnern und einem Ausländeranteil von 22 Prozent. Jedes Jahr zieht diese Stadt magisch 100000 Menschen aus der ganzen Welt an, die noch keine Ahnung haben, was sie in München mit der Wohnungssuche zum Beispiel erwartet; und jedes Jahr stößt sie ebenso viele Menschen wieder aus, welche die Schnauze voll haben. Alle möglichen Nationen sind hier vertreten, aus der ganzen Welt. In der U-Bahn versteht man etwa die Hälfte von dem, was dort gesprochen wird. München ist Multi-Kulti. Eigentlich nichts Neues. München hat schon immer mit Ausländern zu tun gehabt. Viele bedeutende Menschen haben hier schon gelebt. Albert Einstein lebte eine Zeit lang neben der Wies'n, bevor er in die USA auswanderte und dort für seine Theorien für verrückt erklärt und in die Klapse gesteckt wurde. Wladimir I. Lenin lebte Paar Jährchen in der Kaiserstraße und verfasste dort seine revolutionäre Schriften, mit denen er dann nach St. Petersburg fuhr, eine Revolution auslöste, den Zar stürzte und den 1. sozialistischen Saat der Welt mit dem Namen «Sowjetunion» gründete. Adolf Hitler gründete in irgend so einer Kneipen im Tal seine Partei «NSDAP», versuchte zunächst von München aus Berlin zu erobern, ist dann kläglich gescheitert, ging nach Landsberg am Lech in den Knast und schrieb dort sein berühmtes Buch «Mein Kampf». Logisch, wenn ich in den Knast gehen würde, dann hätte ich auch endlich mal Zeit, meine Autobiografie fertig zu schreiben. Er kam raus (oder hat sich verpisst, weiß nicht mehr genau) und ging dann nach Berlin, um von dort aus München zu erobern. Ist ihm auch gut gelungen, wie wir alle gesehen haben. Die Berliner sind halt immer offen für etwas neues. Macht nix, dafür hat er München gut entschädigt und der Stadt den Ehrentitel «Hauptstadt der Bewegung» verliehen. An diesem Ehrentitel haben die Münchner auch heute noch zu nagen. München hat erst vor kurzer Zeit damit angefangen, seine Nazi-Geschichte zu verarbeiten. 60 Jahre lang hat die Stadt diese Geschichte einfach verdrängt. Man kann halt nicht ewig etwas verdrängen, und so kam es dazu, dass in letzter Zeit um dieses bittere Thema herum sehr viel passiert. Ok, gut, jetzt habe ich dir erst mal genug Geschichten über München erzählt, fürs Erste reicht das. Zurück zum Thema.

Man kann sich ziemlich gut in den Bauernburschi einfühlen, der eines Tages mit einem Koffer und einer fetten Sporttasche, modischen 70'-Style-Jeans und nicht mehr ganz so modischer, giftigfarbener Raver-Jacke und Raver-Gel-Frisur mit zwei «Marsantennen» irgendwann Spätnachmittag am Münchner Hauptbahnhof aus dem Zug mit der Aufschrift «Mühldorf - München» steigt. Der Arme hatte einen langen Weg hinter sich. Mindestens 100 Bahnkilometer, Anfahrt zum Bahnhof nicht mit eingerechnet. Musste 2x umsteigen und 1 Stunde in Mühldorf auf den beschissenen Zug nach München warten. Nun ist er endlich da. In München. Was für eine riesige Stadt! 10 Minuten ist der Zug durch die Stadt gekurvt. Häuser, Brücken, breite Straßen mit Trambahn-Schienen, Fabriken, 20-stöckige Bürogebäude, Bahnschienen ohne Ende, und die Stadt will und will einfach nicht enden. Am Hauptbahnhof ertönen nonstop irgendwelche Durchsagen, riesige Menschenscharen laufen herum, alle haben's eilig, Stress und Hektik ohne Ende. Überall helle Lichter, bunte, leuchtende Reklameschilder, Großwand-Fernseher, bunte Geschäfte, Cafes, Restaurants, Fressbuden. Unser Freund läuft gerade durch die riesige Bahnhofshalle in Richtung Zugang zum Untergeschoss. Er weiß, dass er in die «U2» in Richtung «Messestadt Ost» muss, dann muss er bei der Haltestelle «Innsbrucker Ring» in die «U5» Richtung «Neuperlach-Süd» umsteigen und mit der bis «Neuperlach-Zentrum» fahren. So wurde ihm zumindest der Weg erklärt, den er sich peinlichst genau auf einen Zettel notiert hat. Die Frage ist halt jetzt nur: Wo ist bitte diese «U2»?

Auf der Suche nach der «U2» läuft unser Freund den langen Untergeschoss durch. Auch hier laufen Massen von Menschen rum, mit oder ohne Koffer, mit oder ohne Kinderwagen, mit oder ohne Partner, mit oder ohne Rasta-Bart und Jamaikafarbener Kapuze. Afrikaner, Türken, Inder, Araber, Jugoslawen, Polen; alle hängen an den Telefonzellen und brüllen irgendentwas in den Hörer rein, oder sie stehen in Gruppen rum, an jeder Ecke, und führen erbitterte Diskussionen, untermalt mit leidenschaftlichen Handbewegungen. Überall laufen normale Bullen und Bahn-Bullen rum, im Hauptbahnhof-Fachjargon «Grüne» und «Blaue». Unser Freund läuft durch den Zugang zu einem anderen Untergeschoss. An der Ecke sitzen 8 Leute rum, nebeneinander, angelehnt an die gekachelte Wand. Die Leute haben alle kreidenbleiche Gesichter, ihre Augen sind total fertig, gerade noch offen, der Blick leblos, trüb und leer. Einige von denen schlafen schon vor sich hin, mit dem Kopf auf den Knien. Zwei Typen stehen gegenüber den Sitzenden, der eine erzählt mit allerletzter Kraft, mit einer vollkommen fertiger Stimme den anderen seine Geschichte: «Steeel dir mal vor, jaaa, du kommst nach 6 Wochen raus, totaaaaaal sauber, jaaa, und dann kommen diese...»

...Derweil befindet sich unser Freund schon in dem anderen Untergeschoss. Plötzlich hört er das Motorengeräusch eines einfahrenden Zuges. Er geht in die Richtung des Geräusches und sieht, dass da eine Rolltreppe nach unten führt. Er fährt sie herunter und sieht einen hell beleuchteten Untergrund-Bahnhof, der auf der gesamten Länge hoffnungslos mit Menschen vollgestopft ist. Die Leute stehen total zusammengequetscht beieinander, es ist praktisch nicht möglich, durch den Bahnhof zu gehen. Plötzlich ertönt eine Lautsprecherdurchsage: «Wegen eines Stellwerksschadens in Laim ist der S-Bahnbetrieb derzeit unterbrochen. Die nächste S-Bahn in Richtung Stadtauswärts fährt bis zur Donnersbergerbrücke. Von dort aus fährt eine Schuttle-S-Bahn bis Pasing. Dieser Zug steht am Gleis 2 zum Einsteigen bereit. Fahrgäste in Richtung Freising und Petershausen fahren bitte mit dieser S-Bahn bis zur Donnersbergerbrücke. Es werden dort Shuttle-Busse für Sie bereit gestellt.» Die Menschenmassen drücken sich in die S-Bahn. Sie quetschen sich erbittert durch die breiten Türen in den Gang, steigen einander auf die Füße, drücken sich weg und liefern sich die wüstesten Beschimpfungen. Nach 20 Sekunden ist der ganze Zug so verdammt vollgestopft, dass einfach keine Menschen mehr reinpassen, und trotzdem geben die Leute draußen die Hoffnung nicht auf und versuchen sich mit aller Gewalt in den Gang reinzuquetschen, werden hier und da wieder rausgeschubst und sausen ganz schnell ein Stückchen weiter, um an einer anderen Türe wieder ihr Glück zu probieren. Während sich drinnen im Zug diese Live-Show abspielt (fehlt nur noch das Popcorn), bricht draußen eine Welle des Hasses aus. Die Leute fangen an, über diesen «Sauhaufen Deutsche Bahn» zu schimpfen, der seine teuerzahlende Kunden nach der Arbeit hier in diesem Loch sitzen lässt, wo sie doch so gerne nach Hause möchten, zum Abendessen, zu den Dosen Bier im Kühlschrank, und zu dem Fernseher im Wohnzimmer. Der Trick «in der Stadt viel Geld verdienen und auf dem Land wenig ausgeben» zahlt sich eben doch nicht so ganz aus.

Mittlerweile hat unser Freund genügend Mut gesammelt, um einem Menschen ne Frage zu stellen. Also fragt er den Mann neben ihm, mit Aktentasche, Hut und ordentlichen Schnauzbart: «Entschuldingen Sie, ist hier die U2?» - «Nein. Hier ist die S-Bahn. Oder besser gesagt, sie sollte hier sein. Und das schon seit einer Stunde! Das ist vielleicht ein Deppenverein, diese scheiß Bahn!» - «A so, Ok.» Nun wusste unser Freund, dass er hier völlig falsch war. Also stieg er die Treppe wieder hoch. Unterwegs verdaute er erstmal den Schock, den er durch den Kontakt mit einem völlig wildfremden Menschen bekam, der dazu auch noch so redselig war - ganz anders, als wie er das auf dem Lande so gewöhnt ist. Zudem merkte er, dass es ihm doch ziemlich gut gelungen war, sein Bayerisch zu unterdrücken und hochdeutsch zu sprechen, und er war ein wenig stolz auf sich. Als er wieder oben im langen Untergeschoss stand, war der Stolz wieder dahin. Er wusste nämlich immer noch nicht, wo die «U2» ist. «Entschuldigen Sie! Wissen Sie, wo die U2 ist?» - «Nö, ick bin nih von hier.» So ein Mist! Gibt's denn keinen, der sich hier auskennt? Lauf'ma mal ein Stückchen weiter... Vor unserem Freund ertönt eine laute, zitternde Stimme einer alten Frau: «...Ihr scheiß Kanacken! Drecks'gsocks, elendig's! Scheiss Ausländer! Varrecka'n soin's olle!..» Die Leute gehen alle hastig vorbei, keinem scheint es sonderlich zu interessieren, was für Scheiße da irgend so ein altes Weib schreit. Unser Freund fragt noch ein mal einen Typen mit einer schwarzen Lederjacke, der an der Wand angelehnt steht und ne Zigarette dreht: «Entschuldigen Sie! Wissen Sie, wo die U2 ist?» - Der Typ reagiert ne Weile überhaupt nicht, dreht weiter, schaut dann unseren Freund paar Sekunden lang interessiert an und zeigt mit dem Finger auf die Decke. Unser Freund schaut hoch und entdeckt ein Schildchen mit der Aufschrift «U1 / U2» und einem Pfeil, welches genau in die Richtung zeigt, aus der er gerade gekommen ist. «Aaaa, Cool, merci, geh!» - Der Typ hat mittlerweile die Zigarette fertig gedreht und sucht nach seinem Feuer; und während er nach seinem Feuer sucht, macht sich unser Freund auf den Weg in Richtung «U1 / U2». Den selben langen Weg, den er hergelatscht ist, muss der Arme jetzt wieder zurücklatschen. Vorbei an der einen Ecke, wo die 8 fertigen Typen mit bleichen Gesichtern am Boden hocken. Diesmal steht nur noch der eine Typ vor ihnen, und er erzählt noch immer seine Geschichte: «Jaaaa Heeey, schau mal, du komst raauus, jaaa, nach 6 Wochen, totaaal sauber, jaaa, und dann kommen die...»

Mittlerweile ist unser Freund an einem Ort angekommen, wo 3 Rolltreppen 15 Meter in die Tiefe führen. Über den Rolltreppen das Schildchen «U1 / U2», auf dem Schildchen ein Pfeilchen nach unten. Links neben ihm stehen zwei Afrikaner, mit erregten Gesichtern, offenen Jackentaschen; gegenüber den Afrikanern stehen zwei «Grüne» und zwei «Blaue». Einer von den «Grünen» mit einem hardcore-autoritären Blick passt auf, dass die zwei Afrikaner nicht weglaufen; der andere blättert gelangweilt in den Ausweisen herum und hält die Hand schon am Funkgerät, um wieder einmal eine routinenmäßige Personenüberprüfung durchzuführen. Bestimmt schon die 100ste an dem Tag. Den zwei «Blauen» scheint das alles gar nicht zu interessieren, sie blicken gelangweilt durch die Gegend. Dafür interessiert das ganze unseren Freund. Es interessiert ihn so sehr, dass er eine Minute lang stehen bleibt, bis ihn einer von den «Grünen» mit seinem furchteinflößenden Blick verscheut. Er geht weiter und blickt nun genau in die Röhre, die 15 Meter schräg nach unten geht. Eine unaufhörliche Flut an Menschen fließt mit der Rolltreppe aus der Tiefe hinauf und läuft weiter an ihm vorbei. Er erblickt vier Typen, alle mit nach-hinten-gestylten Haaren, offenen Basecap's, schwarzen Jacken, Adidas-Trainingshosen, Nike-Turnschuhen und Goldkettchen. Die Typen sehen irgendwie furchteinflößend, aber auch irgendwie cool, krass aus; also fängt unser Freund an, sie von oben bis unten zu bemustern. Mann, die Jacke schaut schon krass aus... Und das Goldkettchen erst... Ja, in München wissen sich die Leute, wie man sich kleidet... Vertieft in seine Beobachtungen, merkt unser Freund gar nicht, wie einer von den Typen plötzlich sieht, dass unser Freund sie beobachtet. Kaum waren sie oben angelangt, ging's auch schon los: «Was glotzt du so behindert, Oida??!!» - unser Freund wusste sich plötzlich gar nicht mehr zu helfen. Der andere machte währenddessen ungestört weiter: «Bist du behindert, sag??!! Brauchst du Fotzen, Oida, sag??!!» Da hielt es unser Freund nicht mehr aus, schnappte sich seine Reisetasche und seinen Koffer und rannte so schnell er nur konnte die Rolltreppe hinunter. Der Typ gab unserem Freund einen kräftigen Fußtritt in den Hintern mit auf den Weg, und schrie ihm hinterher: «Du scheiß Bauernfotze, du hässliche!!!»

Tief durchatmend, hockte unser Freund in der «U2» in Richtung «Messestadt Ost». Die Angst steckte noch immer in seinem Nacken. Sein Kopf war total durcheinander. Für heute hat er genug erlebt. Der Arme ahnt natürlich noch gar nicht, was für Erlebnisse er heute noch in «Neuperlach-Zentrum» haben wird.

So sind halt die Bauernburschis bei uns. Sie sind die unauffälligsten, die am perfektesten angepassten von allen. Am Anfang ist es schon ne ziemlich harte Lebensumstellung. Ein Teil von denen macht schon während dieser Zeit den Kürzeren, zurück auf das schöne bayerische Land. Der andere Teil bleibt da. Irgendwann haben sie sich an die Großstadt gewöhnt. Sie passen sich, wie bereits erwähnt, perfekt an die Mehrheit an; fangen an regelmäßig Radio Gong (Hit-Only-Music) zu hören und in Schwabing weg zu gehen. Manchen genügen die oberflächlichen Schwabing-Kontakte. Andere fangen an, das Zwischenmenschliche zu vermissen, an der Anonymität und Einsamkeit zu leiden, und irgendwann machen sie dann auch den Kürzeren, zurück auf's schöne bayerische Land. Wieder anderen aber taugt diese Anonymität und die völlige Einsamkeit richtig gut. Sie bleiben da. Es sind häufig Leute, die eher menschenscheu und am liebsten mit sich alleine sind. Solche Leute haben auf dem Land von vorneherein nicht zu suchen. Der einzigste Ort, an dem sie überleben können, ist die Großstadt. Und so hat München das schwere Los gezogen, als einzigste Großstadt hier in der ganzen Umgebung. Diese Stadt ist ein Auffanglager für alle Menschen mit schizoiden Persönlichkeitszügen - «jeder für sich alleine». Und ich denke, genau das ist ein weiterer Grund dafür, dass wir hier alle total vereinsamen.

Jeder für sich alleine...

Über die Bauernburschis herzuziehen hat natürlich auch schon eine gewisse Tradition. Für niemanden etwas neues. In München, wie in jeder anderen Großstadt auch, zieht man hin und wieder gerne mal über die Bauernburschis her, und die Bauernburschis machen im Gegenzug bei sich daheim die aggressiven, gestörten Großstadtmenschen runter. Haben sie eigentlich auch recht. Es steht außer Frage, dass das Landleben der Natur des Menschen besser entspricht. Doch bedauerlicherweise hat der Mensch irgend wann mal den Apfel vom Baum der Erkenntnis gefressen, wurde dafür aus der Symbiose mit der Mutter-Natur getrennt und lebt seit dem gegen seine eigene Natur. Die Großstädte sind nur ein Ausdruck davon. Der Mensch kann nie wieder in die Symbiose mit der Natur zurück kehren. Er kann nur nach vorne schauen. Sonst nichts.

Es gibt in München hin und wieder Momente, die einem erahnen lassen, dass es hier früher mal anders war. Momente, bei denen all das, was ich bis hierher geschrieben habe, mit einem Schlag seine Gültigkeit verliert. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als ich in Obersendling, gleich neben dem steilen Ufer der Isar, eine Wohnungsbesichtigung hatte. (Die Wohnung habe ich natürlich nicht bekommen.) Es war den ganzen Tag lang verdammt schwüles Wetter. Und dann ging's los. Eine dicke, rabenschwarze Wolke bedeckte plötzlich den ganzen Himmel über Obersendling. Es regnete. Zunächst leicht, dann immer heftiger und heftiger. Nach 5 Minuten pisste es wie aus der Dusche, und nach 10 Minuten hast du außerhalb von 10 Metern absolut nichts mehr erkennen können. Es schütterte nur noch wie aus den Eimern. Zusammen mit paar anderen Leuten verstecke ich mich im Hauseingang vor der biblischen Piss-Einlage der Natur. Ab und zu liefen Leute in den Hauseingang rein, durchnässt von oben bis unten, total fröhlich, total lachend; sie machten Witze und erzählten darüber, was sie so eben draußen erlebt haben. Der Regen wurde in der Zwischenzeit noch heftiger, der ganze Fußweg zum Hauseingang stand unter Wasser, die Fluten drohten in den Eingang zu gelangen. Nach einer halben Stunde war die Apokalypse mit einem Schlag vorbei, es nieselte nur noch ganz leicht. Ich machte mich auf den Weg zum S-Bahnhof. Die Straßen standen 20 Zentimeter unter Wasser, nichts ging mehr, das totale Chaos war ausgebrochen. Noch nie habe ich so viel Freude, Hilfsbereitschaft und zwischenmenschliche Kommunikation in München erlebt, als wie in den 5 Minuten Fußmarsch zum Bahnhof. Radlfahrer mit Bier in der Hand fuhren durch die Wasserfluten vorbei, schrieen «Hey!!!», prosteten mir mit den Bierflaschen zu. Autofahrer mit fröhlichen Gesichtern hatten ihre Fenster runtergekurbelt und führten Diskussionen miteinander. LKW-Fahrer hupten durch die Gegend rum und winkten aus den Fenstern. Auf einen schlag ist LEBEN in die Stadt eingekehrt, nur durch eine kleines gemeinsames Erlebnis...

Ausgerechnet in Schwabing hatte ich auch mal ein Erlebnis der gleichen Art. Es war grad das Halbfinale der Fußball-WM, als ich und mein Kumpel durch die schicke Leopoldstraße gingen. Es war einer von diesen herrlichen Abenden nach einem heißen Sommertag, es war angenehm warm, der Himmel glasklar. Die Leopoldstraße war voll mit Leuten. An jedem Cafe stand ein Fernseher mit der WM-Lifeübertragung, vor dem Fernseher versammelten sich ganze Scharen von Menschen. Hier und da ertönten durch die ganze Straße Schreie, Trillerpfeifen, Autohupen. Wir stehen gerade neben einer Kreuzung. Jede Ecke dieser Kreuzung ist mit Menschen überfüllt, alle voll im Fußball-Fieber. Plötzlich saust ein weißer Ferrari aus einer Seitenstraße raus und bremst mit quietschenden Reifen mitten an der Kreuzung. Der Wagen bleibt einen Augenblick lang stehen. Dann dreht der Fahrer das Lenkrad bis zum Anschlag und gibt Vollgas. Das Auto fängt an, sich mit quietschenden Reifen im Kreis zu drehen. Eine Minute lang dauert seine Showeinlage, begleitet mit staunenden Blicken der Leute. Plötzlich kommen die Bullen mit Blaulicht und Sirene aus der selben Seitenstraße rausgeschossen. Der Ferrari gibt Vollgas und brennt mit Tempo 120 davon, die Bullen mit Blaulicht und Sirene hinterher. Die Leute an der Kreuzung jubeln und klatschen in die Hände. Die Showeinlage ist wahrlich gut gelungen.

Solche Momente des Lebens passieren eigentlich jedes Jahr in München, wenn nämlich das Oktoberfest beginnt. Dann kommen plötzlich die ganzen Berliner runter, lassen in München zwei Wochen lang die Sau raus und verpissen sich wieder zurück nach Berlin, um dort weiter die Sau rauszulassen. Ja, die Oktoberfestzeit ist wirklich etwas besonderes. Bei so einem gigantischen Massenwahn lässt sich leicht die wahre Natur des Menschen ergründen. Du musst einfach nur mal um 23 Uhr, wenn die Bierzelte dichtmachen, durch die Wies'n laufen, und du verstehst sofort was ich meine. Wenn sich die rotzbesoffenen Menschenmassen durch die Türen aus den Bierzelten quetschen, draußen hinfallen, eine Zeit lang liegen bleiben, langsam aufstehen und gleich wieder hinfallen. Wenn die hackedichten Italiener, Engländer, Amerikaner und Asiaten, die das Münchner Bier nicht vertragen, draußen anfangen wild zu tanzen und zu singen, zu kotzen und mitten auf dem Weg hinzupinkeln. Eine gigantische Menschenmasse, alle vollkommen dicht, vollkommen orientierungs- und hilflos. Hin und wieder fällt einer um, hin und wieder geht ein geklauter Bierkrug zu Bruch, hin und wieder bricht eine wilde Schlägerei aus. Die steile Wiese neben der Bavaria ist übersät mit Bierleichen. Diejenigen, die noch leben, versuchen verzweifelt den U-Bahnhof zu finden. Im Bahnhof selber spielt sich freilich die gleiche Show ab, wie draußen auf der Wies'n. Zusätzlich gibt's da noch einen Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe, der in seiner Bude am Mikrofon hängt und die leidenden Menschen ermuntert: «Sooo, liebe Leit, bitte net steh'n bleiben, bitte weiter gehen, ihr habt es gleich g'schafft. No a bissarl weiter, sooo, jetzt geht schon. Und da kommt auch schon unser Wiesen-Express nach Neuperlach-Süd, über Hauptbahnhof, Stachus, Odeonsplatz, Max-Weber-Platz uuund Ostbahnhof. Dieser Zug hat achtzehn Türen. Also net bloß nur zwoa hint' und vorn', sondern acht-zehn! Iss doch da Hammer, ge! Soooo, liebe Leit, lasst erst mal andere Leit aussteigen, net neidrängen...» Irgendwann ist der Zug schön vollgestopft und der Zugführer drückt auf den Knopf zum Türe Schließen. Es dauert dann noch ne ganze Weile, bis all die eingequetschten Hände, Beine, Jacken, Wies'n-Hüte und Taschen im Zug verschwunden und die Türen dann wirklich alle geschlossen sind. Ganz langsam, mit aller Vorsicht fährt der Zug davon. Die letzten beiden Waggons wackeln auf und ab, weil drinnen die besoffenen Wies'n-Fans um die Wette hüpfen.

Zur Wies'n-Zeit ist die ganze Stadt im Ausnahmezustand. Alles ist erlaubt: saufen, rumbrüllen, singen, rumtoben, Leute anpöbeln, an jeder Ecke pissen und kotzen. München rechnet während dieser Zeit mit dem Schlimmsten, und so nimmt man solche Untaten nicht übel. Die ganze Action, welche die Stadt das ganze Jahr über buchstäblich verschläft, wird in den zwei Herbstwochen nachgeholt. Plötzlich läuft auf der Wies'n genau das, was man das restliche Jahr über in München vermisst: zwischenmenschliche Kommunikation. Man kann auf der Wies'n natürlich auch mehr oder weniger makabre Sachen erleben. Diese wahre Wies'n-Story soll meinen Wies'n-Abschnitt beenden: Ich und mein Kumpel hocken uns im Bierzelt an einen Tisch mit Italienern hin. Einer von denen liegt die ganze Zeit mit dem Kopf auf dem Tisch. Plötzlich hebt er seinen Kopf hoch, schnappt sich irgend einen halbvollen Bierkrug und kotzt volle Kanne da rein. Er kotzt und kotzt und kotzt, 4-5x hintereinander. Er kotzt den ganzen Bierkrug voll, stellt den weg, packt sich den nächsten und kotzt weiter. Neben ihm sitzt ein anderer Typ mit nem halben Hendl, der sich das alles ansieht und währenddessen in Ruhe sein Hendl weiterfrisst...

München, baby!

Und zur Abwechslung bringe ich noch einen Artikel aus der Zeitschrift «New In The City», Ausgabe 2003/04, Seite 64. Der Artikel geht so:

Schwabing.

Zu Besuch bei Schicki und Micki

«Ja in Schwabing gibt's a Kneipen, die muss ganz was b'sondres sein, do lossen's selche Leit' wie di und mi erst gar net 'nei.» Diese Zeilen aus dem 80er-Hit «Schickeria» von der Spider-Murphy-Gang treffen heute viele Bars und Clubs in München zu. Es gibt immer noch die berüchtigten Türsteher, doch Schwabing ist insgesamt offener und vielfältiger geworden. Besonders in der Leopoldstraße zwischen Siegestor und Münchner Freiheit trifft sich die Möchtegern-Schickimicki-Szene auf einen Caipirinha und präsentiert den staunenden Touristen ihr neues Cabrio. Highsociety statt Dichter und Denker. Was ist nur aus dem guten alten Schwabing geworden? Vor rund einhundert Jahren liefen einem in dem damaligen Künstlerviertel noch Thomas Mann, Paul Klee oder Wassily Kandinsky über den Weg. Und während der wilden Studentenzeiten in den 1960er Jahren mischte die linke Szene den Stadtteil mit den berühmten «Schwabinger Krawallen» auf. Heute mischt man höchstens etwas Zucker in den Cappuccino und blinzelt selbstgefällig in die Sommersonne. Seinen revolutionären Charakter hat Schwabing verloren und es erinnert nur noch wenig an das Künstlerviertel von damals. Erahnen lässt sich der Charme früherer Zeiten noch bei einem Spaziergang durch die ruhigen Seitenstraßen mit ihren zum Teil noch sehr gut erhaltenen Altbauten, dekorativen Außenfassaden und romantischen Vorgärten. Und mit etwas Geduld findet man auch noch zahlreiche kleine Trödelgeschäfte, Secondhandshops und Kunsthandwerkerläden. Aber statt des kreativen Volkes von einst haben sich in dem Viertel heute betuchte Geschäftsleute und Freiberufler niedergelassen. Eine Anschrift in Schwabing gilt als eine gute Adresse. Dementsprechend sind die Mieten inzwischen in astronomische Höhen gestiegen...

Der Artikel stammt aus dem Jahre 2002. Ich hatte Glück ihn zu finden, dann in der nachfolgenden Ausgabe von «New in the City» ist der Artikel vollkommen umgestaltet worden - nun steht da, wie toll es in Schwabing ist, von Schicki-Mickis und den Schwabinger Krawallen keine Spur. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass auch der Verfasser bei «New in the City« nicht mehr tätig ist. In München duldet man eben keine Nestbeschmutzer. Es gilt den Ruf zu verteidigen, die Fassade aufrecht zu erhalten, was die Garantie für die Investitionen und die Zuzüge von Reichen und Schönen darstellt.

Ach München, München...

Und weil's grad so schön ist, hier noch ein Ausschnitt aus dem Song «Giesing, Giesing» von Peter Jakobi:

Giesing, Giesing, was haben's mit dir g'macht?
Du bist a tote Stadt g'word'n, beim Tag und bei der Nacht
Giesing, Giesing, wo san deine Leit?
Der Karle und der Lucky, sog na, wo san die heit
...
Giesing, Giesing, wer hat sich so kastriert?
Sie dürfen dich net erwischen, wos moanst, wos uns passiert
Wos sogst, Giesing, die Geldsäck' haben dich eing'sackt?
Wos sogst, Geldsack, wenn uns die Wut mal packt

Ja, München war mal anders. Hör dir nur von mir aus den Weiss Ferdl mit seiner berühmten «Linie 8» an, oder sprich einfach mal mit den alten Münchnern, und du wirst es selber merken. Es gab Zeiten, da ging's in der Stadt weitaus herzlicher zu. Der Archetyp des Münchner redet nicht viel, ist aber grundsätzlich für ein Gespräch offen; er ist kontaktfreudig, hilfsbereit und sozial, auch wenn er gerne mal grantelt (nörgelt, schimpft). Heutzutage merkt man von dem Archetypen nicht mehr allzu viel. Was hat diese Stadt nur so kaputt gemacht? Das Geld? Ich weiß nicht so Recht. Ich weiß nicht, ob es das Geld ist, was die Menschen kaputt macht, oder ob bereits kaputte Menschen zum Geld als allerletzten Ausweg aus ihren kaputten Leben greifen. Es ist nicht jeder Mensch ein asoziales Arschloch, der Geld besitzt. Die früheren Adeligen waren es zum Beispiel nicht. Sie waren sehr sozial und halfen oft den Armen. Menschen, die durch das Geld zu Arschlöchern geworden sind, waren es mit absoluter Sicherheit schon vorher. Kleine, unglückliche, mit sich selber und der Welt unzufriedene, von Minderwertigkeitsgefühlen geplagte Geschöpfe. Leute, die mit einem Schlag viel Geld besitzen und damit gar nicht umgehen können. Oder Leute, die so tun als hätten sie welches. Es wird endlich mal Zeit, dass Ihr Parasiten Euch endlich mal aus unserer Stadt verpisst. Ihr nimmt der Stadt die Luft zum atmen weg. Ihr erstickt jede Form von unkommerziellen, zwischenmenschlichen, wesentlichen Dingen. Wegen Euch ist diese Stadt so scheiße teuer geworden. Wegen Euch fahren Tag und Nacht die Bullen rum, um Euren Reichtum zu bewachen. Die Münchner haben diese Stadt mit Herz und Liebe aufgebaut und sie so schön gemacht, wie sie Euch jetzt gefällt. Und Ihr macht sie mit Euren scheiß Geld wieder kaputt. Ihr denkt, Ihr seid so mächtig mit Euren Geld, dass Euch überhaupt nichts passieren kann. Aber Ihr täuscht Euch! Irgendwann wird uns die Wut mal packen, und dann schaut's Ihr ganz schön alt aus. Die Zeit wird noch kommen, es kann einfach nicht ewig so weiter gehen.

Leider werde ich das wohl nicht mehr erleben. Ich werde schon vorher von hier abhauen, eigentlich schon ziemlich bald. Meine Zeit hier ist entgültig abgelaufen. Ich liebe diese Stadt noch immer vom ganzen Herzen und werde mich auch immer als ein Münchner fühlen. Doch es wird seit, sich von der Liebe zu trennen. Ich werde das alles hier furchtbar vermissen, das weiß ich jetzt schon. Ich werde vielleicht sogar ein bisschen Heimweh haben; Heimweh nach etwas, was gar nicht meine Heimat ist. Das ist halt München. Diese Stadt kocht auch das härteste Herz irgendwann mal weich. Es ist für viele Menschen nicht schwer, die Stadt abgrundtief zu hassen. Doch die Menschen, die hier wohnen, lieben diese Stadt vom ganzen Herzen und sind dafür zähneknirschend bereit, auch die unverschämtesten Mieten zu bezahlen, nur um hier zu sein. In München.