Igor K - Die Ausbildung zum IT-Systemelektroniker, oder: Warum ich ein Yuppie geworden bin
Aus dem Jahre 2003

Die neuen IT-Berufe (IT-Systemelektroniker, Fachinformatiker, IT-Kaufmann, «IT» steht für Informationstechnologie) haben in der letzten Zeit für sehr viel Aufsehen gesorgt. Von riesiger Durchfallquote bei der Abschlussprüfung und völlig unkompetenten, frisch ausgebildeten «Fachkräften» sei die Rede. Ich, als frisch ausgebildeter IT-Systemelektroniker, der gerade seine Abschlussprüfung bestanden hat, möchte nun all den außenstehenden Leuten ein Paar ungeschminkte Einblicke in den Verlauf dieser neuen Berufsausbildung gewähren. Ich habe weder monatelange Recherchen angestellt, noch irgendwelche statistische Daten ausgewertet. Ich erzähle diese Geschichte schlicht und einfach aus meiner eigenen Erfahrung. Aus der Sicht eines armen Lehrlings. Mehr nicht.

Als ich damals, im Sommer 1999 mir die Gelben Seiten für München besorgte, um einen Ausbildungsplatz zu finden, hatte ich die feste Absicht, als Fachinformatiker anzufangen. Doch die wenigen Ausbildungsplätze waren belagert mit lauter Interessenten mit Abitur und Mittlerer Reife, so dass ich mit meinem Quali wenig Chancen sah - vor allem, weil die ganzen Betriebe Mittlere Reife als Mindestanforderung festlegten. Also dachte ich mir: «Fängst du mal als Systemelektroniker an. Immerhin ist es DER Einstieg in die IT-Branche». Und von Elektronik hatte ich ja Ahnung, immerhin bin ich mit einem Lötkolben großgeworden und kannte (unter anderem) bereits den Unterschied zwischen Volt und Ampere. Ganz zu schweigen von meinen Hardware-Kenntnissen. Aber auch hier gab's nur wenige Betriebe, die IT-Systemelektroniker ohne Mittlere Reife einstellten, und bei denen, die in der Hinsicht etwas kulanter waren, waren die wenigen Ausbildungsplätze bereits weg, wie warme Semmeln.

Nach monatelanger, verzweifelter Sucherei fand ich schließlich einen Ausbildungsplatz bei einem traditionsreichen Betrieb, der unter anderem auf Großrechner (SINIX-Anlagen mit 50 Terminals) und Netzwerktechnik spezialisiert war/ist. Kurze Zeit nach der Arbeitsaufnahme hatte ich einen Termin zur Anmeldung in die Berufsschule. Ich trug meine Daten (Name, Firma, Ausbildungsberuf) äußerst sorgfältig in den Anmeldungsbogen ein. Trotzdem kam es auf irgend eine sonderbare Weise dazu, dass ich den ersten Schulblock (2 Wochen) in einer Fachinformatiker-Klasse verbrachte - als wollte mir das Schicksaal einen bösen Streich mit meinem ehemaligen Berufs-Wunsch spielen. Ich habe zwei Wochen lang nichts davon gemerkt, vor allem, weil ich nicht der einzige Systemelektroniker in der Klasse war. Ich wunderte mich nur ein bisschen über den Stoff, den wir kriegten: Batch-Programmierung unter MS-DOS. Nach und nach verschwanden die ganzen Systemelektroniker aus der Klasse, und mir wurde es langsam zu unheimlich. Also ging ich nach Ende des Blocks zum Direktor der Schule, und er stellte fest, dass es da einen Fehler bei der Schüler-Verwaltung gab. Ab den nächsten Block wurde ich der richtigen Klasse zugewiesen. Als ich das Rektorat verlies, fragte ich mich ziemlich lange, was wohl passiert hätte, wenn ich nicht zum Rektor gegangen wäre. «Klar, es ist ganz normal, das in einer Berufsschule mit über 5000 Schülern so was auch mal passieren kann», dachte ich. Doch dies war lediglich eine Kostprobe von dem, was noch auf mich zukommen sollte.

Am nächsten Block hatte ich wirklich das Gefühl, in der richtigen Klasse zu sein, das Thema war: Motherboards und ihre Komponenten. Zu jedem Themengebiet gab's jeden Tag an die 2-4 Blätter zum lesen und ausfüllen. Schulbücher gab's keine. Anfangs dachte ich, dass die Verlage sich noch nicht entschieden haben was sie drucken sollen, weil der Beruf zu neu war. Doch der wahre Grund ist, dass es sich praktisch nicht lohnen würde, irgendwelche Schulbücher zu drucken, weil das ganze Computer-Zeugs einfach zu schnell veraltert - heute war noch SCSI-33 in, und nächste Woche ist schon SCSI-333LVD Standard. Diese Blätter waren Fotokopien aus irgendwelchen Computer-Heftchen (Chip) oder aus den Lehrer-Büchern (bei Themen, bei den es ziemlich sicher war dass sie nicht so schnell veraltern würden, lohnte es sich, sie wenigstens in den Lehrplan aufzunehmen). Im übrigen habe ich bis heute keine genaue Vorstellung, wer wie den Lehrplan bestimmt. Ist ja klar - der Lehrplan kommt vom Kultusministerium. Aber wie soll das Kultusministerium wissen, was für Themen in der Computerbranche gerade aktuell sind? Vermutlich in Zusammenarbeit mit der IHK. Doch ich schätze, die ehrwürdigen Herren bei der IHK mit Bierbauch und bayerischen Trachtenanzug waren auf so was, wie die IT-Branche, nicht gefasst. Ich meine: diese ganzen traditionellen Handwerks- und Dienstleistungsberufe wie Bäcker, Koch oder Maurer haben sich in den letzten 30 Jahren nicht arg geändert. Nach 30 Jahren bäckt ein Bäcker seine Torten immer noch mit den gleichen Zutaten und nach gleichen Arbeitsabläufen. Der Maurer hat nach 30 Jahren immer noch viereckige Ziegel vor sich liegen, immer noch so schwer, und noch immer muss er Mörtel mit Sand mischen, will er mit diesen Ziegeln eine Wand kreieren, die im übrigen auch nicht viel anders ausschaut, als wie vor 30 Jahren. Dementsprechend haben es die erwürdigen Herren bei der IHK nicht sonderlich schwer gehabt, die Ausbildungspläne und Prüfungen, den Forderungen des Berufes entsprechend, zu gestalten. Und dann kommt die IT-Branche, wie eine riesige Lawine aus Silicon Valley rüber, und überschwemmt ganz Europa inkl. Deutschland, und sogar ganz besonders das Königreich Bayern mit lauter Bits und Bytes und PC und WWW und höchst komplizierten, höchst sensiblen elektronischen Geräten, die nach 5 Jahren höchstens 30% ihres ursprünglichen Wertes besitzen. Plötzlich hieß es auf allen Plakaten in ganz München: «Lederhosen und Laptop - Tradition und HiTec» - mei, so was gibt's nur bei uns, in Baiern.

Also waren die ehrwürdigen Herren bei der IHK zum Handeln gezwungen, vor allem nach dem die Bundesregierung plötzlich feststellte: «Uns fehlen ja qualifizierte Fachkräfte!» und daraufhin eine neue Generation von Gastarbeitern, diesmal aus Indien, nach Deutschland einlud. Die ehrwürdigen Herren schufen die neuen IT-Ausbildungsberufe, die man auch ohne langjähriges Studium ausüben konnte, mit einem normalen Schulabschluss (bereits mit dem Quali). Eine wirklich gute Idee, muss man schon sagen. Ich bin echt froh darüber. Doch die neuen Berufe waren begleitet von Kinderkrankheiten. Weil eben die IT-Branche so umfangreich ist, ist es verdammt schwer ein Bild des «qualifizierten IT-Facharbeites» zu schaffen - wann ist man denn qualifiziert für die IT-Branche, und wann nicht? Dazu später mehr. Außerdem war's anfangs anscheinend so, dass sich die IHK und das Kultusministerium nicht richtig über Lehrplan einigen konnten - und so wurden die ersten «IT-Facharbeiter» in der Berufsschule völlig vorbei an den IHK-Forderungen unterrichtet und rasselten alle reihenweise durch die Prüfung durch. So wurde uns das an der Berufsschule erzählt, und auch, dass wir diesmal Glück hätten, denn nun ist der Lehrplan geändert worden, nun werden die IHK-Forderungen «berücksichtigt».

An der Berufsschule weht echt ein anderer Wind. Sie dient als vorbereitende Maßnahme auf die harte Berufswelt, wo die Leute schön freundlich zu einander sind und sich gleichzeitig auffressen, wie die Haifische. Wo du jeden Tag aufs neue um dein Überleben kämpfen musst, genau so wie in der Steinzeit, nur mit moderneren Mitteln und Methoden. Entsprechenden Geschmack hat eben auch der Wind, welcher auf der Berufsschule weht. Hatten etwa auf der Hauptschule die Lehrer noch ihren «pädagogischen Auftrag», so haben sie ihn auf der Berufsschule längst über Bord geschmissen und waren ausschließlich darauf aus, den Stoff durchzujagen, koste es was es wolle, wenn es sein muss, auch völlig ins Leere. Keiner hat die Leute aufgefordert, ruhig zu sein - wenn die Leute nicht aufpassten, war es eben ihr Pech. Sie waren ja alt genug und sollten in der Lage sein selber zu entscheiden, was für ihr Leben wichtig ist. Sie kamen niemals zu dir, du musstest zu ihnen gehen, wenn du was wolltest. Alle Informationen, angefangen mit den Raumänderungen bis hin zu Blockzeiten, musstest du dir selber besorgen. Und das wichtigste - du musstest bereit sein, selber von sich aus zu lernen.

Das ganze Leben lang waren die Kids gewöhnt, ausschließlich für die freudigen Gesichter der Eltern und das erhöhte Taschengeld zu lernen. Und plötzlich kommen sie in die Berufsschule, und dort heißt es, ganz subtil: Friss oder stirb. Hier wird dir nichts nachgeschmissen. Wenn du nicht willst, dann schlafe halt auf der Bank und störe die anderen nicht (besser gesagt: die Paar anderen). Es ist nicht unser Problem, wenn du durch die Prüfung durchfliegst, sondern dein Problem. Im Grunde genommen finde ich das völlig in Ordnung. Das Berufsleben ist so, das ganze Leben ist so, warum soll dann die Berufsschule die Kids nicht auf dieses Leben vorbereiten? Doch bedauerlicher Weise nutzten die meisten Lehrer diese Funktion der Berufsschule als Schild, hinter dem sie ihre Langeweile und Desinteresse gegenüber der Schule und den Schülern, manchmal sogar gegenüber ihrem Beruf, in breiter Form ungestört ausleben konnten. Dazu «Der Spiegel», Nr.20/13.5.02, Seite 118: «Die Rekrutierung der Lehrer läuft falsch, viele ungeeignete werden Pädagogen. Die Kollegien, schreibt die Ex-Gymnasiallehrerein und Bildungskritikerin Bayerwaltes, dürften «nicht länger wie bisher ein Auffangbecken für Studienversager, Mittelmäßige, Unentschlossene, Ängstliche und Labile, kurz gesagt für Doofe, Faule und Kranke» sein. Die Hochschulen vermitteln künftigen Lehrern nach wie vor zwar ein Übermaß an sterilem Fachwissen, jedoch nur karge Didaktik- und Methodikkenntnisse und kaum Tipps und Tricks für erfolgreiches Unterrichten. ... In den Kollegien, obwohl stark überaltert, ist die Bereitschaft, sich didaktisch fortzubilden, womöglich gar noch in den Ferien, nicht sonderlich ausgeprägt - vielleicht weil den lebenslang verbeamteten Pädagogen, ob bräsig oder emsig, weder Gehaltskürzungen drohen noch Leistungsprämien winken. Von der Ministerialbürokratie gegängelte, schwächliche Schulleitungen, oft ohne Managementschulung und Personalführungskompetenz, tun sich schwer, die Einzelkämpfer im Kollegium zur Teamarbeit anzuhalten und Leistungskontrollen durchzusetzen. Zudem verhindern starre Landesrichtlinien und aufgeblähte Lehrpläne vielerorts flexible Reaktionen auf lokale Besonderheiten.»

Wenn ich mich dann in die Rolle eines armen Berufsschullehrers reindenke, dann bin ich doch ganz froh, dass ich dort nur als Schüler war. Für seine 2000 Euro Brutto hat er einen ziemlich harten Job: den ganzen Tag rumflitzen zwischen dem Lehrerzimmer, einer Elektriker-Klasse, dem Kopiergerät, einer Informatikerklasse, dem Kaffeeautomaten, einer Elektroniker-Klasse, dem Kopiergerät, dem Lehrerzimmer, wieder dem Kaffeeautomaten, dann einer Radio/Fernsehertechniker-Klasse, dann wieder dem Kopiergerät, und noch einer Elektriker-Klasse, und so weiter. Bei jeder Klasse völlig neu orientieren: welchen Beruf haben die, im welchen Jahr sind die, welchen Stoff kriegen die überhaupt? Dann diese ganzen Namen, jedes Mal vom neuen auswendig lernen, für die 2-4 kommenden Schulstunden. Dann ist wieder die Hälfte nicht da. Die andere Hälfte labert rum oder verschickt SMS-Nachrichten oder pennt auf den Bänken. Dann wieder Raumänderung. Dann eine Lehrplanänderung. Dann hängt eine Klasse wieder mit dem Stoff nach. Dann diese dauernden Lehrerkonferenzen. Und ständig neue Schüler, ständig neue Klassen, ständig wechselnde Kollegen. Nach spätestens 5 Jahren würde ich mich freiwillig ins Sanatorium einweisen lassen. Dann wird's auch verständlich, warum soviel Lehrer einfach keine Lust und keine Kraft mehr haben, mit den Schülern auch noch geduldsvoll umzugehen. Da ist irgendwo eine riesige Macke drin. Und zwar in unserem Bildungssystem, oder besser gesagt: in unserer Erziehung. Na ja, ich schätze, nach der Pisa-Studie wird wohl noch einiges auf uns zukommen.

Apropos Pisa: ein interessanter Artikel, wieder aus «Der Spiegel», Nr.20/13.5.02, Seite 115 soll meinen nächsten Gedanken einleiten: «Jahrzehntelang hat sich die deutsche Schulpolitik ... an die Überzeugung geklammert, allen Kindern sei am ehesten gedient, wenn Begabte und weniger Begabte bereits im Alter von zehn oder elf Jahren streng getrennt und auf verschiedene Schulformen verteilt würden. In möglichst homogenen Klassenverbänden, so der Glaubenssatz, lerne es sich am leichtesten. Pisa hat das deutsche Dogma vom Segen frühzeitiger Separierung als Irrlehre mit verheerenden sozialen Folgen entzaubert: Gerade dieses System vernachlässigt die Schwächeren, ohne die Starken optimal zu fördern. Mit nur vier Jahren hat Deutschland die kürzeste Grundschulzeit aller OECD-Länder. Die früh greifende Auslese-Harke schiebt die Aussortierten zur sträflich vernachlässigten Hauptschule ab, in der das Schulsystem sie vielfach verkommen lässt - was dazu beiträgt, dass fast ein Viertel der 15-Jährigen laut Pisa zur «Risikogruppe» derer zählt, die allenfalls einfache Texte verstehen und damit beruflich nahezu chancenlos sind. ... In den Ländern der Pisa-Siegergruppe, in Kanada, Australien oder skandinavischen Staaten, herrscht seit langem Kopfschütteln über den deutschen Hang zur frühen Einteilung der Kinder. «Die Pisa-Studie zeigt», sagt Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, «dass eine frühe Trennung nicht leistungsförderlich ist. Kinder brauchen Lernanreize. Und die können sie nur bekommen, wenn sie in Gruppen lernen, in denen es verschiedene Talente und Begabungen gibt. In unseren meist homogenen Klassen ist das aber viel zu wenig der Fall.» ... Schüler mit gleicher Begabung, bestätigt der deutsche Pisa-Juror Manfred Prenzel, förderten einander keineswegs zwangsläufig: «Man zieht sich gegenseitig auf ein tieferes Niveau.» Von Klassen mit einer größeren Leistungsspanne hingegen, wie sie in Skandinavien üblich sind, profitieren Schwache wie Starke gleichermaßen - zumal dann, wenn innerhalb des Klassenverbunds «Binnendifferenzierung» betrieben und Kleingruppen- und Partnerarbeit gepflegt wird.»

Ich finde es ganz lustig. Die ganze bisherige Schullaufbahn der Kids war geprägt vom Mythos der «Schönen neuen Welt»: die dummen auf die Hauptschule, die mittelmäßigen auf die Realschule, und die «schlauen» auf das Gymnasium. Mit Sprüchen wie «Sie gehören ja auf die Hauptschule!» nutzten die Gymnasiallehrer das Mythos skrupellos aus, um die Kids zu mehr Leistung zu trimmen - und die Kids fühlten sich in ihrer Rolle «Ich bin schlauer als die Anderen» ganz wohl, blieb ihnen doch gar nichts anderes übrig. Dementsprechend fühlten sich die Hauptschüler mies, unwichtig, ungebraucht, wertlos, hieß es doch selbst im Lehrerzimmer, hinter vorgehaltener Hand unter den Kollegen: «Die Hauptschule ist halt nun mal die Sonderschule der Nation.» Und dann, auf der Berufsschule, treffen sich alle wieder, alle diejenigen, die 5 Jahre zuvor getrennt wurden. Ein Wahnsinn. Plötzlich sind alle absolut chancengleich, vom Bildungsniveau her - um die Summe der Widerstände zu berechnen, muss man außer Brüche Addieren keine weiteren Fertigkeiten in Mathematik mitbringen. Schwieriger wird's mit dem binären und hexadezimalen Zahlensystem - um es zu begreifen, muss es einen Menschen geben, der das erklären kann, anhand von verständlichen und nachvollziehbaren Beispielen. Und hier kommen nun all die Probleme, die allesamt zum schlechten Abschneiden Deutschlands in der Pisa-Studie geführt haben: Lehrer, die keine Lust haben sich drum zu kümmern, dass die Schüler das ganze begreifen. Lehrer, die auch gar nicht in der Lage sind, die Sachverhalte zu erklären, weil sie die selber nicht begriffen haben. Frische Studienabgänger und Praktikanten, die sowieso von vorneherein nichts checken, weder was vom Stoff, noch was von Pädagogik und gar nicht in der Lage sind, in etwas schwierigen Situationen die Nerven zu behalten. Und schließlich diese absolute Gleichgültigkeit der ganzen Lehrer gegenüber den Schülern, eine wahrhaftige Faulheit, eine Unkompetenz sondergleichen, kompensiert durch ein überlegenes, arrogantes Gehabe mit starker Abwertungstendenz (Zitat: «Dann sind Sie eben für diesen Beruf nicht geeignet!»). Dazu kommen noch diese kopierten DIN-A4-Blätter, die einen winzigen Bruchteil der notwendigen Information enthalten, dazu noch so beschissen formuliert, dass ich mich echt manchmal fragte: wie soll ein normaldenkender Mensch jemals begreifen, was da überhaupt vor sich geht? Man muss schon ungeheuer Kreativ sein, um die fehlenden Detailinformationen durch Denk-Konstruktionen zu erschließen. Die Blätter waren eben mehr für das Auswendig-Lernen konzipiert, im Hinblick auf die kommende Klassenarbeit - «auf den Punkt lernen» hieß die Devise.

Das beste Beispiel für die ganze Sinnlosigkeit sind diese Blätter mit Text, der Lücken enthält, welche ausgefüllt werden müssen (gibt's auch auf der Hauptschule). Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass sie mal ihren ursprünglichen Sinn hatten - der Schüler ließt sich den Text durch, überlegt sich, welche Begriffe da wohl reinpassen würden und trägt sie mit Hilfe des Lehrers ein. Soweit die geistreiche Theorie eines Schreibtischtäters im Kultusministerium. Und nun kommt die Praxis: der Lehrer lässt die Blätter austeilen, schaltet sogleich den Tageslichtprojektor ein, legt die Folie auf und trägt die ganzen Begriffe ein - die Schüler schreiben einfach ab. Dann erzählt der Lehrer etwas über das Thema (er versucht es zumindest), die Stunde ist beendet, alle packen die Blätter ein, das war's. Wenn du dann jemanden fragst: «Um was ging's da jetzt gerade?», dann antwortet er: «Keine Ahnung.» Dann kommt die Klassenarbeit. Alle packen ihre Blätter zu hause aus, lesen sich den Text durch, checken rein gar nichts, und fragen sich womöglich noch, ob das denn überhaupt die eigene Schrift sei, mit der diese ganzen komischen Begriffe eingetragen sind. Aber keiner will sich die Note versauen, also bleibt nur noch eines übrig: Auswendiglernen. Aber das interessanteste an der ganzen Geschichte ist, dass viele Fragen in den Klassenarbeiten auf Verständnis basieren, und nicht auf Auswendiglernen - du muss den Stoff richtig begriffen haben, um die Frage beantworten zu können - hier rasseln viele Leute durch. Wenn also erwartet wird, dass man den Stoff richtig begriffen hat, warum wird dann nicht auch dafür gesorgt? Sind denen die Schüler so scheiß egal?

Und weil alle jetzt gerade so über die Pisa-Studie diskutieren, im Hinblick auf das Gesamtschul-System wie in vielen anderen Ländern - ich habe festgestellt, dass die Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten sich von den schulischen Leistungen in der Berufsschule nicht sonderlich unterscheiden - große Streuung gab's bei allen drei Gruppen. Und dass es auch absolut richtig ist, dass Schwache und Starke voneinander profitieren, deshalb es lernpsychologisch absolut schwachsinnig ist, die Kinder nach ihrer Begabung voneinander zu trennen - die Pisa-Studie zeigt es, und ebenso meine eigenen Erfahrungen an der Berufsschule. Ich war immer froh, wenn jemand das Thema richtig begriffen hat und mir das so erklären konnte, dass ich das auch begreife. Und richtig begriffen hast du nur dann etwas, wenn du in der Lage bist, es dem anderen, der schwächer ist als du, zu erklären - hier erkennt man deutlich den Schwachsinn an der Idee, die Kinder nach der Grundschule von einander zu trennen, weil angeblich es sich «in möglichst homogenen Klassenverbänden am leichtesten lerne».

Aber auch wenn vom Bildungsniveau her die Schüler alle gleiche Chancen hatten - von Praxiskenntnissen und beruflichen Qualifikationen her, waren die Chancen keineswegs gleich. Denn dies ist der Teil, der auf der Berufsschule nicht erworben werden kann, für das erfolgreiche Bestehen in der Berufschule und der Abschlussprüfung aber von großer Bedeutung ist. Selbstverständlich war dies «nicht der Gegenstand des Unterrichts an der Berufsschule» - es gab da wirklich nur ein Paar von Lehrern, die uns Praxistipps vermittelten, weil wir denen nicht gleichgültig waren, und weil sie dafür qualifiziert genug waren - eine absolute Seltenheit auf der Berufsschule. Die restlichen Lehrer (Praktikanten, Studenten) gingen einfach davon aus, dass wir diese Kenntnisse im Betrieb erwerben - schließlich ist ja der Betrieb dafür zuständig, was geht uns das an? Wenn du aber nicht völlig in einer Traumwelt aus Büchern, Formeln und Examen versunken bist, wenn du einigermaßen den Bezug zur «Realität» besitzt und vielleicht schon mal ins Berufsleben reingeschnuppert hast, dann weißt du ganz genau - du kannst nicht automatisch davon ausgehen, dass ein Lehrling seine Praxiskenntnisse im Betrieb erwirbt, nur weil er ein Lehrling ist. Es hängt zum einen Teil vom Lehrling selber ab: ist er überhaupt gewillt zu lernen, und findet er Gefallen an seinem Job (was aber auch zum Teil von der Firma abhängt). Und zum anderen Teil hängt es ausschließlich von der Firma ab, und hier muss man sagen: nicht alle suchen (und finden zwangsläufig) ihren Ausbildungsplatz bei der D. T.. Es gibt (Gott sei dank) noch viele andere Computer- und Telekommunikationsfirmen. Denn hier ist das Problem, dass sich das Kultusministerium und die IHK zu sehr an der T. orientieren. Aber das ist jetzt erst mal Nebensache. Immerhin hast du ja bei so großen Firmen wie T. oder S. den ungeheuren Vorteil, dass du als Lehrling gefördert wirst. Du durchläufst während deiner Ausbildungszeit eine Abteilung nach der anderen, und kriegst so sehr viel von der IT-Branche mit. Ganz abgesehen von den ganzen Bonussen, Extras und Schmankerl, wie zum Beispiel die prüfungsvorbereitenden Maßnahmen und diverse Lehrgänge. Aber es ist nicht unbedingt gesagt, dass du gefördert wirst und praktische Kenntnisse erwirbst, nur weil du in einer großen Firma angestellt bist. Die Ausbildung bei der D. T. zum Beispiel, würde ich als eine «Labor-Situation» bezeichnen. Du wirst umhüllt in kuschelweiche Watte und befindest dich ausschließlich in einer Berufswelt á la T., die so völlig fremd ist von der Berufswelt am freien Markt. Den ganzen Tag kannst du schön relaxt rumsitzen, labern, Kaffee trinken und im Internet rumsurfen. Dann kommt irgend wann mal, so gegen Mittag ein Kundenauftrag rein, nach 30 Minuten bist du fertig und kannst deinen Ausbilder bitten, ob du heute schon früher gehen kannst. Am nächsten Tag musst du gar nicht arbeiten, da hast du BBI (spezielle Berufschule á la T.), wo du praktisch den ganzen Tag nur dösen kannst. Und solltest du mal kurz in den freien Markt reinschnuppern und etwa zu den Kunden vor Ort rausfahren, dann kannst du sicher sein - auch hier bleibt die kuschelweiche Watte am deinen Körper erhalten, denn «es sind ja bloß nur T.-Kunden, die sind schon alles mögliche gewöhnt».

Ganz anders, als die Kunden bei uns. Da kann es dir passieren, dass du zu einen Betrieb am anderen Ende der Stadt rausfahren musst, weil dort der Server abgestürzt ist, und während du verzweifelt nach einem Fehler suchst, rennt im Fünf-Minuten-Takt ein gestresster Mitarbeiter nach dem anderen rein und schnauzt dich an: «Ich kann immer noch nicht drucken!!! Wie lange dauert das denn noch?!» Und wenn du dann den Fehler endlich gefunden hast und das ganze System wieder läuft, sind alle überglücklich und bedanken sich tausendfach bei dir - ein echt gutes Gefühl. Das sind eben die Vorteile bei einer kleinen Firma. Du wirst vom Anfang an in eiskalte Wasser reingeschmissen und musst lospaddeln, wenn du nicht untergehen willst. Bereits nach dem ersten Lehrjahr musste ich alleine zu Kunden raus und dort PCs reparieren oder Netzwerke installieren. Ich hatte vor Ort die volle Verantwortung und musste Rechenschaft über meine Fehler abliefern.

Aber nicht jeder hatte so ein Glück. Ich habe schon viel früher von Betrieben gehört, wo der Lehrling im 3. Jahr noch immer außer Hof zusammenkehren, Bier holen und Materialien putzen nichts anderes gemacht hat. Auch wenn ich solche Extrem-Fälle nie selber erlebt habe, so gab es bei uns in der 3. Klasse einige Leute, die der Chef zum Lager-Arbeiter versklavt hat. Oder zum Karton-Falter. Oder zum Netzwerkkarten-Einstecker. Sie haben oftmals wochenlang, monatelang nichts anderes gemacht. Und danach kam irgend ein anderer, stumpfsinniger Sklavenjob. Mit seinem Gehalt von etwa 2 Euro die Stunde erscheint der Lehrling oftmals als sehr lukrativ für skrupellose Geizhälse/Arbeitgeber. Das ist eben ein gigantisches Problem, vor allem, weil du als Lehrling völlig hilflos und aufgeschmissen bist. Deinen Ausbildungsbetrieb darfst du nicht wechseln, das ist gesetzliche Vorschrift - es sei denn, die Firma geht pleite. Was aber in der IT-Branche eh gang und gäbe ist. Tausende neue Firmen schießen wie Pilze aus dem Boden, und verschwinden so schnell wieder wie sie gekommen sind. Bei uns in der Klasse gab's insgesamt drei Fälle von Insolvenzverfahren, bei zwei davon war der selbe Lehrling betroffen - kann mir gut vorstellen, dass das nicht sonderlich motivierend auf den Beruf wirkt.

Ein anderer Aspekt verbirgt sich hinter dem Begriff «Zwischenbetriebliche Arbeitsteilung». Die IT-Firmen (welche überlebten) haben sich im Laufe der Zeit auf ganz unterschiedliche Bereiche spezialisiert. Bei uns in der Klasse waren welche bei einem Automaten-Hersteller angestellt und reparierten, programmierten und vernetzten Zigaretten-, Fressalien-Automaten und elektronische Kassensysteme - es sind ja mittlerweile richtige Computer geworden, die wie ein PC bedient und programmiert werden können. Andere hatten den ganzen Tag mit Apple-Computern zu tun. Wieder andere mit SUN/SOLARIS-Workstations. Einige Firmen haben sich auf Glasfaser-Netzwerke spezialisiert. Andere auf Kupferkabel. Wieder andere auf Wireless-LAN (Funk). Einige Lehrlinge bei uns waren richtige All-Rounder, weil ihr Betrieb irgendwo mitten in der Pampa stationiert war, wo innerhalb des Radius von 40 Kilometern keine Konkurrenz befürchtet werden musste. Und mein Betrieb war auf mittelständische Unternehmen spezialisiert, die sich sündhaft-teure UNIX-Anlagen mit RAID-System und USV leisten konnten (unter anderem). Und das alles ist eben die IT-Branche. Sie ist mittlerweile so umfassend wie vergleichsweise die Wissenschaft namens «Psychologie»: dort gibt es Hunderte von wissenschaftlichen Zweigen, die sich alle mit völlig unterschiedlichen Sachen beschäftigen: Wahrnehmung, Verhalten, Neurologie, Gehirnforschung, Psychoanalyse und Außersinnliche Wahrnehmung. Und trotzdem ist das alles Psychologie. Genau so ist es mit der IT-Branche. Es geht nach wie vor um die Bits und Bytes. Doch die Bits und Bytes findet man heutzutage in jeder Waschmaschine vor. In jedem Auto. In jedem Telefon. In jeder Armbanduhr. Diese Branche ist heutzutage so umfassend, so weltumspannend, so allgegenwärtig, wie kaum eine andere.

Und genau das wirft für die große Frage auf: wenn diese Branche so vielseitig ist - wie wollen dann die ehrwürdigen Herren von der IHK mit Hilfe einer Prüfung feststellen, ob man qualifiziert genug ist für «die IT-Branche»? Sie müssten für die Qualifikation irgendwelche Kriterien festlegen. Aber wie kann man geeignete Kriterien finden, in diesem Chaos aus PCs, Handys, elektronischen Waschmaschinen, intelligenten Robotern, plötzlich auftauchenden und plötzlich auflösenden Großunternehmen (Fall «Callino GmbH»),  sündhaft teueren Geräten, die nach spätestens 5 Jahren völlig veraltert und nicht mehr «on top» sind? Man müsste tatsächlich in der Lage sein, etwas zu finden, was «alle machen», egal in welchem Zweig der Branche. Aber wäre diese Sammlung dessen, was «alle machen» nicht zu viel? Oder gar zu wenig? Mit anderen Worten - stünde das im angemessenen Verhältnis zu dem, was man als «Berufliche Qualifikation für die IT-Branche» bezeichnen könnte? Genau das ist es eben. Die IT-Branche gibt es nicht. Es hat alles etwas mit «Elektronischer Verarbeitung, Speicherung und Wiedergabe von Daten» zu tun, aber in jedem Zweig in jeweils eigener Form, mit völlig unterschiedlichen Geräten, Werkzeugen, Arbeitsmethoden. Und jeder ist eben in seinem Zweig ein Spezialist, er ist eben «qualifiziert». Wir zum Beispiel, haben viel mit Nadeldruckern zu tun, weil dies die einzigen Drucker sind, mit denen man Geschäftbriefe (z.B. Rechnungen) mit gleich mehreren Durchschlägen drucken kann. Dementsprechend gut kenne ich mich mit diesen Geräten aus, weiß welche Knöpfe man da drücken muss, um dies oder jenes zu machen, und weiß auf anhieb, welches Teil defekt ist, wenn die Ausdrucke z.B. verschmiert aus dem Drucker rauskommen. Das ist unter anderem eben meine Qualifikation, in meinem Zweig. Ein anderer ist Spezialist im Bereich Grafikkarten und MP3-Player. Ein anderer mit SUN-Systemen, die mit gewöhnlichen PC's in den Wohnzimmern, außer Monitor und Maus, wenig gemeinsam haben. Das ist eben so, wenn man bei einer kleinen Firma ist. In Großunternehmen wie S. oder T., die wirklich die meisten Anteile am Markt haben und auch in vielen Zweigen der Branche Tätig sind, wirst du eben etwas umfassender angelernt. Doch ich glaube, dass es dann mehr Quantität anstatt Qualität ist, vergleich T.. Genau so wie in der Berufsschule: von Allem etwas, aber nichts g'scheit. Und ich glaube eben, dass die ehrwürdigen Herren von der IHK da eine Lösung aus dem Chaos der IT-Branche gefunden haben, indem sie sich einfach an T. und S. orientierten - die logischste Schlussfolgerung. Wenn ich mir die Prüfungsfragen anschaue, dann sind sie doch sehr vielfältig: Installation (T.), Netzwerke (S., T.), ISDN-Anlagen (T.), Batterien/Akkus (T., S.), Faxgeräte (T.), Workflow-Organisation (S., T.), Projekt-Organisation (S., T.), und in der Art noch vieles mehr. Es ist wirklich schade, dass der freie Wettbewerb bereits während der Ausbildung zugunsten der Großen beeinflusst wird, aber so ist halt nun mal der freie Markt: der stärkere gewinnt.

Ich will auch, ehrlich gesagt, nicht in der Haut von den ehrwürdigen Herren stecken. Ich wüsste selber nicht, wie ich einen «allgemeinen Lehrplan und allgemeines Prüfungsschema» gestalten würde. Ich würde es wahrscheinlich gar nicht tun, sondern würde lauter einzelne «branchenzweig-allgemeine Lehrplane und Prüfungsschemen» machen. Ich würde die Ausbildungsberufe weiter untergliedern - denn dann könnten die 3 Jahre Lehrzeit wirklich ausgenutzt werden. Aber das spielt ja jetzt keine Rolle. Die Umstände sind halt nun mal so gegeben, und man muss sich irgendwie zurechtfinden.

Irgendwann mal war ich im 3. Lehrjahr. Die Prüfung stand unmittelbar bevor. Sie setzt sich aus dem theoretischen und dem praktischen Teil zusammen. Der praktische Teil wiederum setzt sich folgendermaßen zusammen: Durchführung von einer betrieblichen Projektarbeit mit dazugehöriger Dokumentation. Dann die Präsentation dieser Projektarbeit. Und das Fachgespräch. Mit der Projektarbeit war ich anfangs vollkommen überfordert. Unser Betrieb hat noch nie IT-Systemelektroniker ausgebildet, ich war der erste. Es standen also keinerlei Informationen zur Verfügung. Von IHK konnte man selbstverständlich keine Auskünfte erwarten. Sie hatten ja was besseres zu tun, als Anfragen von irgendwelchen verplanten Lehrlingen zu beantworten, die ja erwachsen genug sind und deshalb in der Lage sein sollten, sich die notwendigen Informationen selber zu besorgen, notfalls «herzaubern». In der Berufsschule ist das Thema «Projektarbeit» seltsamerweise nie richtig zur Sprache gekommen. Die einzigste Hilfe war ein grüner Zettel. Den bekommt man von der IHK zusammen mit der Anforderung, seine Projektarbeit auszusuchen und genehmigen zu lassen. Auf dem grünen Zettel steht: «Für die Projektarbeit soll der Prüfling einen Auftrag oder einen abgegrenzten Teilauftrag ausführen. Hierfür kommt insbesondere eine der Aufgaben in betracht: Erstellen, Ändern oder Erweitern eines Systems/Kommunikationsnetzes der Informations- und Telekommunikationstechnik einschließlich Arbeitsplanung, Materialdisposition, Montage der Leitungen und Komponenten, Dokumentation, Qualitätskontrolle sowie Funktionsprüfung. Die Projektarbeit darf 35 Stunden nicht überschreiten. ... Die Projektdokumentation sollte einen Umfang von 12 bis 16 Seiten (ohne Anlage) haben. Diese ist der IHK in 2-facher Ausfertigung zusammen mit dem Protokoll über die durchgeführte Projektarbeit zu senden.»

OK, gut, wenn man erwachsen genug ist und sich die Informationen selber besorgen muss, dann machen wir das halt. Zum Glück gab es da Websites wie z.B. begga.de, wo Lehrlinge in einem eigens dafür angelegten Forum Informationen austauschen konnten. Dort gab's auch einige Muster-Dokumentationen von Lehrlingen, die schon fertig mit der Lehre waren. Ich schaute mir einige davon an und hatte nun ungefähr ne Ahnung, wohin der Hase läuft. Und dann ging bei uns in der Firma ein Kundenauftrag ein: Installation eines Netzes mit Anbindung an ein zweites Netz über ISDN. Das war die Rettung. Das war die perfekte Projektarbeit für mich. Von Netzen hatte ich wirklich viel Ahnung und brauchte keine Angst vor den Fragen im Fachgespräch zu haben. Ich erstellte einen Antrag auf Genehmigung und schickte den Wisch an die IHK. Nach 1 Woche kam der Wisch wieder zurück: es fehlte die Angabe, wie viel Stunden die jeweiligen Arbeitsschritte dauern würden. Also noch mal von vorn. Ich korrigierte den Wisch und schickte ihn wieder weg. Nach Paar Tagen kam der Wisch wieder zurück: die Gesamtzeit ist zu kurz. Also rief ich an und fragte, wie hoch die Gesamtzeit mindestens sein muss. «28 Stunden.» OK, alles klar. Nochmals korrigiert, nochmals weggeschickt, diesmal per Fax. Nur die Nerven behalten. Die IHK kann ja nicht wissen, dass du noch nicht erwachsen genug bist und nicht weißt, dass es eine Mindestzeit auch noch gibt. Das war jetzt übrigens ironisch gemeint, nur so nebenbei...

Endlich. Die Projektarbeit wurde genehmigt. Die drauffolgende Woche war ich bei dem Kunden und führte den Auftrag aus. Hat echt Spaß gemacht. Im war in einem Rohbau, wo reihenweise Handwerker (Elektriker, Bodeleger, Heizungsinstallateure) ein und aus liefen, mit denen die Arbeit gleich doppelt Spaß gemacht hat (der Effekt - wenn alle arbeiten, arbeitest du auch. Wenn alle labern, laberst du auch).

Ich habe schon mehrmals von Firmen gehört, welche die Projektarbeiten in der Schublade parat liegen haben. Nur sollte man, wenn man so einen Auftrag ausführt, verdammt auf der Hut sein. Die IHK weiß bescheid und achtet während der Präsentation ganz genau auf Hinweise, die darauf deuten, dass man die Projektarbeit nicht selber gemacht hat. Sollte sich der Verdacht bestätigen, fliegt man eiskalt durch die Prüfung. Das Risiko wäre mir zu heftig. Außerdem hatten wir gar keine vorgefertigten Arbeiten in der Schublade rumliegen, wie schon gesagt - ich war der erste IT-Systemelektroniker.

Auch die Dokumentation machte mir echt zu schaffen. Das mit «12-16 Seiten» fand ich ja noch OK. Aber - welchen Schreibstil soll man da verwenden? Welche Zeitform? Welches Layout? Auf welche Punkte soll man besonders Gewicht legen? Wie wird die Dokumentation überhaupt bewertet? Alleine schon die Frage «soll man in der Dokumentation die Ich-Form oder die neutrale Form verwenden, sprich: 'ich steckte das Kabel...» oder «das Kabel wurde gesteckt...'?» führte bei uns in der Klasse zu verschiedenen Kontroversen. Die einen behaupteten felsenfest: «die Ich-Form», weil es so auf der Website von IHK Berlin stand. Die anderen erzählten was über ein Forum, wo drauf stand dass man die Dokumentation unbedingt in der neutralen Form verfassen soll. Auf der Website von IHK München stand über dieses Thema gar nichts. Denen war's scheinbar gleichgültig. Oder auch nicht. Vielleicht sollte man für die Münchner zwei Versionen ausfertigen: die eine in der Ich-Form, die andere in der neutralen... wäre im Prinzip keine schlechte Idee. Irgendwann mal hatte ich die Schnauze richtig voll und entschied mich einfach für zwei Versionen: ein bisschen was von der Ich-Form, ein bisschen was von der neutralen. Schön durchgemixt.

Das 3. Lehrjahr war echt heftig. Ganz heftiger, als die letzten beiden Jahre: wie eine logarithmische Kurve, die plötzlich ganz steil nach oben schießt. Es hieß quasi das «prüfungsvorbereitende Jahr» - was haben wir denn dann die letzten beiden Jahre zuvor gemacht? Es mussten im rasenden Tempo Themen nachgearbeitet werden, die für die Prüfung unbedingt notwendig waren: Datenbanksysteme, Benutzer-/Objektverwaltung an Servern, Datensicherheit und Datenschutz, LINUX mit seinen ganzen Server-Diensten und Tausenden Konfigurationsmöglichkeiten, Routing- und Firewall-Technik, und schließlich ein ganz stark vernachlässigtes Thema: Wiso. Wiso steht für Wirtschafts- und Sozialkunde, und soll den künftigen Arbeitnehmer davor schützen, räuberischen Unternehmen zum Opfer zu fallen, und den Überblick am Markt zu verlieren. Zum Glück hatten wir einen Lehrer, der das ganze ganz gut erklären konnte, vorrausgesetzt - du warst nonstop hellwach dabei. Doch die letzte Woche vor der Prüfung waren wir so im Zeitverzug, dass hier nur noch das Austeilen von Prüfungsaufgaben angesagt war. Es ist auch wirklich am gescheitesten, sich möglichst viele Wiso-Prüfungsfragen anzuschauen, denn sie wiederholten sich in jeder Prüfung in Originalform. Bisher. Konnte man nur hoffen, dass sie uns diesmal nicht in etwas entstellterer Form präsentiert werden.

Aber auch sonst haben wir in jedem Fach ausschließlich Prüfungsthemen bearbeitet, und nichts anderes. Datenbanksysteme zum Beispiel, ein gigantisches Kapitel, bestehend aus 6 fetten Büchern mit jeweils 600-900 Seiten - davon haben wir gemacht: Bestandteile des relationalen Datenbankmodells, Datemodellierung und Entity-Relationsship-Diagramme, Prozess der Normalisierung, und ein bisschen SQL-Abfragen. Hier war echt dauerhafte Anwesenheit notwendig, und ich war wirklich dauernd anwesend - mit Ausnahme von 4 Fehltagen.

Dann gab es da einen Prüfungsvorbereitungskurs, jeden Montag. Ich meldete mich da an, zahlte 35 Euro und staunte nicht schlecht, was da für Themen drankommen: Elektro-Installation. Anbindung an ISDN. Programm-Ablauf-Pläne und Struktogramme. Prozess-Ablauf-Pläne. Angebots- und Rechnungserstellung. Markt- und Gesellschaftsformen. Vertragsarten. Die Liste geht unendlich weiter. In den Aufgaben waren die Fragen so beschissen formuliert, dass du da schon zweimal hinschauen musstest, bevor du überhaupt verstanden hast, was sie von dir wollen. Auch an der Fragenstellung selber konntest du nicht so recht erkennen, was sie von dir wollen - bei so Fragen wie etwa «Was soll durch die Wartung von Netzwerken erreicht werden?» schrieb ich etwas hin, was für mich sehr logisch geklungen hat - nur leider war die Musterlösung eine ganz andere, auf die ich von alleine nie draufgekommen wäre und auch für völlig nebensächlich hielt. Doch für das Jammern und Augen-Zuhalten war es bereits zu spät. Nun hieß es wirklich: friss oder stirb.

Oida, die letzten 3 Wochen vor der Abschlussprüfung habe ich so gebüffelt, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich habe mir dafür extra frei genommen und saß jeden Tag (inkl. Samstag und Sonntag) von 10-18 Uhr in der Bibliothek des Deutschen Museums, und von 18:30 bis 21 Uhr im Gasteig, mit musikalischer Untermahlung von den Musikstudenten aus den Übungsräumen - auch sie hatten alle Prüfungen bevorstehen. Und ich habe wirklich alles gelernt, angefangen von der Elektro-Installation über ISDN-Technik bis hin zu betrieblicher Ablauforganisation - ein Prüfungsbuch, ein Tabellenbuch, Unterlagen von der Prüfungsvorbereitung und drei fette Ordner aus der Berufsschule. Ich habe so gelernt, dass ich am Ende, am letzten Tag vor der Prüfung wirklich das Gefühl hatte: «Du schaffst es.»

Die Prüfung war am Dienstag, den 14. Mai um 7:45 Uhr am Olympiazentrum. Die Nacht davor habe ich nicht eine Stunde geschlafen. «Aufgewacht» in der Früh, erst mal gefrühstückt, und ab die U-Bahn. Am Sendlinger Tor musste ich mir erst mal eine Tasse Kaffe reinziehen, um einigermaßen klar zu kommen. Am Hauptbahnhof dann noch zwei Tassen. Jetzt war ich klar im Kopf. Und hellwach. In der Trambahn begegnete ich noch 3 Leuten aus meiner Klasse. Wir stressten uns alle gegenseitig rein, aber am Ende lösten sich unsere Anspannungen, weil wir vor dem Eingang des Prüfungssaals mit Tausenden anderen Leuten rumstanden, die sich schon genug reingestresst hatten und sich einfach nur noch hinsetzten wollten und die Prüfung schreiben. Um 8:30 ging's los. Die Themen waren: Netzwerkinstallation inkl. Materialdisposition und Raumplan, Vernetzung von LANs über ISDN, ISDN-Anlagenanschluss, Kilowatt-Stunden ausrechnen, FI-Schutzschalter, Fehlerstrom berechnen, Fehlerursachen für Stromschlag bestimmen, Netzwerktechnik, Subneting, DHCP-Server, Wireless-LAN, Service-Arten, Englischtext übersetzen, Betriebsabrechnungsbogen ausrechnen, SQL-Abfragen, und Wiso. Mit Wiso haben wir uns da richtig in die Scheiße reingeritten - die Fragen waren diesmal was für kreative Köpfe, und nichts für Auswendig-Lerner. Nach 4 Stunden waren wir so am Ende, dass nur noch der Gang in den nächstgelegenen Biergarten angesagt war, und nirgendwohin sonst. Wir saßen da, ließen uns die Sonne auf den Schädel runterbrennen, stellten gegenseitig fest, wie viel Scheiße wir da überhaupt zusammengeschrieben haben und prosteten auf die fünfzig Prozent zu. Fünfzig Prozent ist so ne Marke, die darüber entscheidet, ob du durchgefallen bist oder nicht - je nachdem, ob du unter oder über 50 Prozent liegst.

Vor der Prüfung dachte ich die ganze Zeit: «Mann, wie die Prüfung endlich mal vorbei ist, geht's dir wieder wunderbar. Dann sind endlich mal die ganzen Anspannungen und der ganze Stress weg». Dachte ich. Bullshit! Falsch gedacht. Nach der Prüfung ging's mir echt noch dreckiger, als zuvor. Zeitweise war ich echt der felsenfesten Überzeugung, dass ich durchgeflogen bin. Ich mein - das ganze Lernen war wirklich vollkommen sinnlos, ich hätte mir das alles sparen können. Alles das, was ich gelernt habe, hat mir was für exakt 3 Fragen gebracht. Der Rest - reine Intuition. Und wie prüft die IHK diese Tausende von Prüfungsbogen? Keine Ahnung. Wie würde ich prüfen? Ganz einfach, mich mit einer Musterlösung hinsetzen und ankreiden: Richtig. Ungefähr richtig. Falsch. Wenn da eine Frage vorkommen würde, zu der ich selber etwas aus der eigenen Berufserfahrung sagen könnte, dann würde ich auch Antworten «richtig» ankreiden, die nicht so in der Musterlösung vorkommen. Und der Rest?

Das schlimmste was es gibt, viel schlimmer als der Vor-Prüfungsstress, ist die Ungewissheit: bin ich jetzt durchgeflogen oder nicht? Das hat wirklich den allerletzten Rest meiner Nerven gefressen. Und die ganzen Leute wollen dauernd das von dir wissen: «Und, hast du es geschafft?» Verdammt, woher soll ich denn das wissen? Wenn ich das doch nur selber wüsste... Zeitweise hab ich's mit Resignation versucht: «Mein Gott, dann hast du es halt nicht geschafft. Was soll's? Das Leben geht doch weiter! Machst du halt irgend einen anderen Job. Taxifahrer oder so was... kennst dich ja in München aus... Oder werd irgend so ein «PC-Doktor» für 2000 DM im Monat.» Die Option «Halbes Jahr wiederholen und die Anschlussprüfung noch mal schreiben» war für mich vollkommen ausgeschlossen. Ich könnte mir nie wieder solchen Stress antun. Dann in irgend eine fremde Klasse, mitten in das Abschlussjahr reinplatzen = Shit. Und ganz nebenbei den unscheinbaren Stempel eines «Versagers» aufgeprägt bekommen. Und genau das würde ich mir die ganze Zeit selber suggerieren - wirklich kein guten Vorsatz, die Prüfung zu bestehen. Ich kenne da selber jemanden, der kurz in unserer Klasse war. Er war eben genau einer von den Leuten, die in eine fremde Klasse reingeplatzt sind, mitten in das Abschlussjahr. Einer von den Durchgefallenen. «Gegen die Abschlussprüfung», sagte er, «ist die Zwischenprüfung ein Dreck». Was ja tatsächlich stimmte. Er wohnte irgendwo in einem abgelegenen Bauerndorf, bestehend aus 3 Bauernhöfen, umschlungen von den Bergen, irgendwo hinter Bayrischzell, direkt neben der österreichischen Grenze. Die einzigste Verbindung zur Außenwelt war eine verstaubte Strasse in die nächste Ortschaft. Und erst vor kurzem wurde dort eine Telefonleitung verlegt. Coole Sache. Aber doch gibt es im Bayerischen Oberland genügend Kunden, so dass es sich lohnt, da ein Systemhaus hinzustellen. Was mich betrifft - ich hätte wirklich kein Bock, um 4 Uhr in der Früh aufzustehen, um in München gegen 8 Uhr anzukommen. Für mich ist schon 7 Uhr Plus 20 Minuten Fahrt mit der überfüllten U-Bahn eine Qual. Wie dem auch sei - jedenfalls kam er nach dem ersten Block nie wieder. Von seinem Kumpel, der auch in der Ecke wohnte (dort gab's ne Telefonleitung) hörte ich, dass er jetzt die Lehre hingeschmissen hat. Für immer.

In der Firma ging der gewohnte Arbeitsablauf völlig normal weiter, so als ob nichts gewesen wäre. Was soll auch gewesen sein? Die Sache mit der Prüfung betrifft mich ganz allein, und sonst niemanden. Ich wollte endlich mal wissen, ob ich durchgeflogen bin! In der Einladung von der IHK zur Abschlussprüfung, die ich vor Wochen bekommen habe, stand auf der Rückseite der beruhigende Satz: «Bei bestandener Prüfung wird der Auszubildende schriftlich über sein Ergebnis informiert. Prüflinge, die die Prüfung nicht bestanden oder ohne vorangegangenes Berufausbildungsverhältnis abgelegt haben, erhalten den schriftlichen Bescheid von der IHK. Alle vorherigen Anfragen sind zwecklos, da am Telefon keine Auskünfte über Prüfungsergebnisse erteilt werden dürfen». Und auf der Vorderseite: «Die Einladung zum Teil A - Projektpräsentation/Fachgespräch erhalten Sie zusammen mit dem vorläufigen Ergebnis der schriftlichen Prüfung Ende Mai.»

Am 6 Juni war von dem «vorläufigen Ergebnis der schriftlichen Prüfung» immer noch nichts zu sehen oder zu hören. Also rief ich bei der IHK an, und die Dame am Telefon vertröstete mich auf nächste Woche, so gegen Ende. Noch ein mal habe ich nicht mehr angerufen. Ich hab beschlossen, einfach geduldig abzuwarten. Schließlich habe ich gehört, dass die IHK verschiedene Aufrufe gestartet hat, um Leute zu finden, die ihnen bei der Auswertung helfen sollen. Am bequemsten lässt es sich eben am Personal sparen - wenn ich ein Boss wäre, würde ich das wohl so machen. Deswegen bezweifle ich, ob ich jemals ein Boss werden würde. Und nächste Woche hatte ich auch noch Schule, das bedeutete dass mein Boss sich als aller erster den Brief (falls er jemals ankommen würde) unter die Finger reißen würde.

Das war der allerletzte Schulblock. Anfangs wollten verschiedene Lehrer da noch Paar Exen und Klassenarbeiten durchziehen, aber bereits am Montag war klar: da geht nix. Die Luft ist raus. Ein Lehrer hat sich tatsächlich getraut, wie in alter Manier, DIN-A4-Blätter auszuteilen, doch viel weiter ist er nicht gekommen. Die Leute machten alles andere, nur nicht den Unterricht verfolgen. Geschweige denn DIN-A4-Blätter in die Hand nehmen. Einer hat den IHK-Prüfungsbogen mit Musterlösung mitgebracht, und noch einmal konnte ich mich so richtig davon überzeugen, die Hälfte falsch geschrieben zu haben. «Oh Mann», dachte ich, «wenn du jemals 50% erreichen solltest, dann hat der Liebe Gott da ein Machtwort gesprochen, dessen kannst du sicher sein!»

Am Mittwoch machten wir, nach 4 Stunden Video-Session im Klassenraum, einen Ausflug ins Siemens-Forum. Das Siemens-Forum ist in der Nähe vom Odeonsplatz, nicht weit von dem IHK-Gebäude entfernt. Sinnlos durch das Museum latschen war echt nix, und nach 20 Minuten saßen wir zu viert draußen vor dem Eingang und überlegten, ob wir uns einfach verpissen und zur IHK rübergehen. Aber die Lehrerin hatte das Klassenbuch mit und wollte um Punkt 15 Uhr alle wieder unten treffen. Plötzlich hatte ich, zum ersten Mal nach langer Zeit, eine geniale Idee: «Gehen wir doch jetzt rüber und kommen um 15 Uhr einfach wieder zurück!» Damit war jeder sofort einverstanden, und kurz darauf hin latschten wir den 6-Spurigen Oskar-von-Miller-Ring Richtung IHK. Je näher das Gebäude kam, desto schneller schlug mein Herz. Im Aufzug schwitzte ich wie ein Affe. Nun standen wir vor der Tür. Keiner wollte so recht reingehen. «Geh du zuerst!», sagte einer zu mir. Warum nicht? Ich klopfte an und machte die Tür auf. «Warten Sie bitte kurz draußen», hieß es. Ich machte die Tür wieder zu.

Im Gang sah es aus wie in einer typischen bürokratischen Institution, nur ging es da wesentlich relaxter zu. Im Grunde genommen war absolute Stille. Entlang den Wänden standen Wägen herum, vollgepackt mit lauter Ordnern, Mappen und Kartonschachteln Prüfungsbogen herum. So standen wir da, in Erwartung auf die Erlösung. Von dem Stress allemal. Und dann, nach einigen Minuten, geht die Tür auf und ich trete ein in das Büro.

Die haben ja gar keine bayerische Trachtenanzüge an, die Leute von der IHK. Ganz normaler Büro-Style, mit und ohne Anzug und Krawatte. Der Mann mit einer Brille, gerade neben mir vor dem PC sitzt und nach meinem Namen sucht, ebenfalls. «Ich kann Ihnen auch meine Prüflingsnummer geben!», sage ich. «Au ja! Geben Sie die mir mal... Ooook... Mal schaun... Kriuoiiuu..iu.tshc... Wie Spricht man Ihren Namen aus?» - «Krütschkow. Das Ü wie München, und das Tsch wie Poccistrasse.» - «Klingt russisch. Kommen Sie aus Russland?» - «Hmmm!.. Aus Moskau.» - «Ooooh, aus Moskau!.. Sie haben bestanden.» - «Bestanden?! Ich? Wie viel? - «79,8%. Herzlichen Glückwunsch! Holen Sie die anderen herein. Wenn das so weiter geht, dann müssen wir echt noch das Telefon abstellen. Wissen Sie, wie viele Leute heute schon angerufen haben und ihre Ergebnisse wissen wollten? Bestimmt über 100...»

Dieser Tag war echt ein Meilenstein in meinem Leben. Draußen im Gang konnte ich es immer noch nicht fassen. Ich plapperte auf die Frage «Wie viel?» - «79,8...» aus und flackte mich einfach nur auf den Boden, mitten im Gang. Dann ging der nächste rein. Und der nächste... Die Leute gingen mit vollkommen aufgeregten, gleichzeitig aber auch deprimierten Gesichtern rein, und liefen mit Freudenschreien wieder raus. Einer lief nicht, sondern ging raus, zwar ohne Freudenschrei, aber immerhin mit einem breiten Lächeln. Rein theoretisch wäre er mit 49,x % durchgeflogen. Aber man kann doch einem jungen Menschen nicht seinen Lebensweg versauen, wenn er schon so knapp vor dem «Bestanden!» lag. Also rundete man das Ergebnis einfach auf 50 auf, und schon war die G'schicht' gegessen.

An dem Tag (und Tage danach) war einfach alles herrlich. Sogar die Sonne, die normalerweise recht selten die Chance bekommt, durch die graue Wolkenschicht über München durchzuscheinen, strahlte über die ganze Woche lang. Hinzu kam die Fußball-WM mit all den tobenden Fans, welche die Leopoldstrasse jeden Tag in ein buntes Schlachtfeld verwandelten. Zuerst die Türken, dann die Mexikaner, dann die Kroaten, dann die Deutschen, dann die Brasilianer, und so weiter. Riesige Menschenmassen zogen auf die Leopoldstrasse und tanzten mitten auf der Fahrbahn «Samba». Ich natürlich mitten drin, statt nur dabei. Wieso auch nicht? Ich hatte allemal einen Grund dazu.

Doch noch immer hatte ich dieses komische, beunruhigende Gefühl im Magen. Noch war die Abschlussprüfung nicht vorbei. Zwar stand der Prüfungstermin für die praktische Abschlussprüfung noch nicht fest, aber trotzdem machte ich mir den Stress und kam einfach nicht mehr runter davon.

Die Praktische Prüfung besteht aus zwei Teilen: der Präsentation und dem Fachgespräch. In der Präsentation soll der Prüfling seine Projektarbeit vor der Prüfungskommission vortragen, und zwar innerhalb von 15 Minuten, ± x Minuten. Weil das Chaos natürlich um jeden Preis perfektioniert werden muss, hatte keiner eine genaue Vorstellung, wie viel Minuten ± sein dürfen. Die einen sagten ± 3 Minuten, die anderen ± 5 Minuten, die dritten +3/-2 Minuten. Auf der Website von IHK München standen andere Angaben als auf der Site von IHK Hamburg. Schließlich bekam ich eines Tages die Einladung zur praktischen Prüfung, und dort stand schlicht und einfach nur: «Beachten Sie bitte, dass Ihre Präsentation 15 Min. nicht überschreiten darf.» Cool.

Die Kunst ist also, seine ganze Projektarbeit so zu verpacken, dass alle relevanten Themen angesprochen werden, und das ganze innerhalb von 15 Minuten. Wie soll man das nur anstellen? Zugegeben, ich hatte nicht besonders viel Ahnung von Präsentationen. Das einzige Mal wo ich eine Präsentation gehalten habe, war in der Klasse. Und das war auch nur «just for fun», aber nun ist es der Ernstfall. Abgesehen von den Fragen wie etwa «soll ich meine Hände drinnen oder draußen halten» und «wie fange ich überhaupt mit dem Vortrag an», hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wie ich meine komplette Projektarbeit in 15 Minuten vortragen soll. Was soll ich erzählen? Soll ich mehr auf Details oder auf das Ganze achten? Soll ich den Vortrag lieber interessant-spannend machen, oder eher nüchtern-sachlich? Nach welchen Kriterien wird die Präsentation bewertet? Auf dem Einladungs-Schreiben stand so was wie eine Auskunft darüber: «Durch die Präsentation einschließlich Fachgespräch soll der Prüfling zeigen, dass er fachbezogene Probleme und Lösungskonzepte zielgruppengerecht darstellen, den für die Projektarbeit relevanten fachlichen Hintergrund aufzeigen sowie die Vorgehensweise im Projekt begründen kann.» Alles klar. Wer ist denn die Zielgruppe? Natürlich die Prüfungskommission. Also, jetzt wissen wir wenigstens in welche Richtung der Vortrag gehen soll. Man könnte sich einige Musterlösungen auf verschiedenen Websites (wie begga.de) anschauen. Gute Idee. Also, all right, die Lösung ist die: man macht genau 15 Folien für den Overhead-Projektor. Für jede Folie genau 1 Minute. Dann muss man nur noch die Stichpunkte aus der Dokumentation auf die Folien übertragen. Und dann nur noch hoffen, dass man beim Vortragen nicht aus dem Konzept kommt und die 15 Minuten genau einhält. Die meisten meiner Klassenkammeraden übten den Vortrag fleißig vor dem Spiegel oder vor der Chef, aber das war mir viel zu blöd. Irgendwie hatte ich nicht genügend Mut zum Üben. Ich ging einfach nach dem Prinzip «Augen zu und durch». Irgendwie wird es schon klappen. Selbst wenn man tagelang geübt hat, garantiert das keineswegs, dass dann genau beim Vortragen nicht irgend was schief läuft, dachte ich.

Was das «Fachgespräch» betraf, so hatte ich überhaupt keine Ahnung, was da auf mich zukommen würde. Ich habe gehört, die Fragen beschränken sich ausschließlich auf die Projektarbeit. Und ein bisschen VDE (Elektro-Fachwissen, schließlich ist der IT-Systemelektroniker eine geprüfte Elektro-Fachkraft). Ich müsste mich mal wieder hinsetzten und nochmals die Prüfungsbücher durchkauen, aber die Kraft dafür brachte ich einfach nicht auf. Ich schob das Lernen vor mich hin, bis zum zweiten Tag vor der Prüfung. Die letzten zwei Tage vor der Prüfung hockte ich dann mal wieder im Gasteig und «büffelte» ein bisschen die Unterlagen durch. Wozu eigentlich überhaupt, weiß ich bis heute nicht. Eigentlich nur, um mein Gewissen zu beruhigen. Was soll's - morgen wird sich eh alles rausstellen. Augen zu und durch....

Es gibt einige Methoden, um seinen zugedopeten Kopf auf Vordermann zu bringen und die Leistung zu liefern, die man von einem Typen erwartet, der in das Klischee «Jung - Dynamisch - Aufstrebend - Erfolgreich» passt. Wenn du morgens, so gegen 9-10 Uhr aufwachst und die Sonne erblickst, die mit ihren Strahlen diese seltsame Freaky-Stadt erwärmt und dein Herz zum lachen bringt, ist der erste Schritt bereits getan. Nun musst du die Überbleibsel des gestrigen Abends beseitigen. Am besten machst du es mit einem Obstsalat - klingt zwar nach «Mutti's besten Ratschlägen», ist aber Vitamin und Energie pur. Es ist 11 Uhr. Wenn der Termin um 13 Uhr angesetzt ist, hast du logischerweise zwei Stunden Zeit, um dich mental drauf vorzubereiten. Du kannst ne Runde Joggen gehen. Aber eigentlich ist es reine Zeitverschwendung. Am besten ist, du schnappst dir ein Fahrrad und fährst schön gemütlich in Richtung Prüfungsgebäude. Somit triffst du gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. In der Stadt macht sich der stink-normale Berufsalltag bemerkbar. Baufahrzeuge, Lastwägen, Limousinen, Fahrrad-Kuriere. Alle haben's eilig, alle stressen rum, veranstalten Hupkonzerte gepaart mit wüsten Beschimpfungen, wenn's irgendwo mal wieder nicht weiter geht, sprich - alle 10 Meter. Das Prüfungsgebäude der IHK befindet sich in der Orleansstrasse, in der Nähe vom Ostbahnhof. Für die Strecke Fürstenried - Sendling - Talkirchen - Isarvorstadt - Haidhausen brauche ich 40 Minuten. Hört sich viel an, ist aber immer noch schneller als wie mit dem Auto. Kaum zu glauben, ist aber so.

Wenn du in München irgendwo vorankommen willst, ist das Fahrrad das einzigste Verkehrsmittel, was überhaupt in Frage kommt. Das hört sich jetzt an wie ein Artefakt aus längst vergangenen Zeiten der Studentenbewegung in den 60ern und 70ern, ist aber die bittere Wahrheit. Autos sind aus vielen Gründen scheiße: Steuer, Benzin, Versicherung. Keine Parkplätze, schon gar nicht im Innenstadtbereich. Zu schmale Strassen (anscheinend war München für mehr als 1 Million Einwohner nicht vorgesehen). Die wichtigsten Stadtadern leiden unter chronischen Verkehrsinfarkten, wie zum Beispiel der Mittlere Ring, Münchens Sorgenkind No.1. Für die Schleichwege ist eine hervorragende Stadtkenntnis unbedingt notwendig, andernfalls drohen stundenlange, nervtötende Irrfahrten durch die Tausende von Einbahnstrassen und Sackgassen, die sich jedes Jahr ändern - Rot-Grün-Politik macht's möglich. Finde ich im Prinzip auch richtig so. München hat einfach nicht genügend Kapazitäten für die Millionen von Autos. Aber andererseits sind die Stadtverwaltungs-Typen selber schuld. In keiner anderen deutschen Stadt (außer vielleicht Berlin) ist es so, dass alle Autobahnen in die Stadt reinführen und dort enden - die Autobahnen führen allesamt an der Stadt vorbei, der ganze Transitverkehr kommt mit der Stadt gar nicht in Berührung. Nur nicht in München. Wenn du aus Stuttgart kommst und nach Salzburg weiter fahren willst, dann musst du auf jeden Fall in die Stadt reinfahren, um über den verstopften Mittleren Ring auf die Salzburger Autobahn zu gelangen. Du könntest natürlich den Autobahn-Halbring um München nehmen. Nur ist hier die Strecke mindestens doppelt so lang wie über den Mittleren Ring. Die ganzen Brummi-Fahrer wissen das natürlich ganz genau. Und somit ist das Chaos vorprogrammiert. Fazit: ein Auto brauchst du in München nur dann, wenn du auf der Leopoldstrasse mit breiten Reifen, vergoldeten Felgen, verdunkelten Scheiben und 1200-Watt-Anlage rumprotzen willst. Oder wenn du umziehen oder etwas transportieren willst. Ansonsten - vergiss es. Verkauf am besten die Kiste und kauf dir von dem Erlös ein g'scheites Fahrrad und ein Jahresticket für die U-Bahn, wenn es mal pisst. Worauf du dich übrigens verlassen kannst.

Was die Frage betrifft «was soll ich für die Präsentation bloß nur anziehen» - im kapitalistischen System hat der Schein immer noch mehr Vorrang als das Sein. Mit anderen Worten: die Verpackung ist mindestens genau so wichtig wie der Inhalt, wenn sogar nicht wichtiger. Eine gescheite Kleidung kann die zu vollbringende Leistung nicht ersetzten, aber sie färbt die Erwartungen auf die zu vollbringende Leitung erheblich. Von welchen Typ Mensch würdest du mehr Engagement, Strebsamkeit und Leistungsbereitschaft erwarten - gebügelte Stoffhose, Lackschuhe, gebügeltes Hemd, ordentliche Frisur; oder 2-Kilo-Reingeschissen-Hip-Hop-Hose mit Schmutzflecken, zerfetzte Nikes, Stink-T-Shirt mit Schwitzflecken unter den Ärmel und fettige Haare? Wenn du von der Sorte Mensch mit stark ausgeprägter sozialer Ader bist und jetzt kopfschüttelnd meinst: «Jeder Mensch ist zur gleichen Leistung fähig, wenn er will. Ich würde die Menschen nicht anhand ihrer Kleidung beurteilen», so muss ich dir auf jeden Fall recht geben. Ja, du hast verdammt recht. Und die meisten Prüfer von der IHK würden dir ebenfalls recht geben. Und sogar einige Wirtschafts-Bosse. Die Sache hat nur einen Hacken: in der freien Wirtschaft ist kein Platz für soziale Angelegenheiten. Entweder, du spielst ihr Spiel mit, oder du bist draußen. Wer mit einer 2-Kilo-Reingeschissen-Hip-Hop-Hose in die Prüfung einläuft, erweckt auf jeden Fall den Eindruck eines pickeligen Jugendlichen, der es eigentlich gar nicht ernst meint. Der mit dem Ernst der Berufslebens überhaupt nichts anfangen kann und auch nicht will. Der eigentlich seine Lehre nur deswegen gemacht hat, weil es die Eltern verlangt haben, damit ihr lieber Sohn einen Schein in der Tasche hat. Der für das Berufsleben einfach nicht reif ist und eigentlich sowieso vor hat, nach der Ausbildung 1 Jahr lang arbeitslos zu machen. Wenn's geht, noch länger. Am besten gar nicht arbeiten. Und genau auf so was schieben die IHK-Prüfer einer Hass, einfach aus dem Grund, weil die IHK die Schnittstelle zur Berufswelt ist. Wenn eine ganze Generation von Null-Bock-Jugendlichen mit 2-Kilo-Reingeschissen-Hip-Hop-Hosen plötzlich als «Facharbeiter» gelten, und nur deshalb weil sie durch die Prüfungen durchkommen, dann machen die großen Wirtschaftbosse den IHK-Leuten die Hölle heiß. Nach dem Motto: «Was für Penner schickt ihr uns eigentlich die ganze Zeit?!». So ist nun mal das System. Du hast genau zwei Möglichkeiten: entweder, du bleibst deiner Opposition treu und verteufelst das ganze System, weil es so ungerecht ist, die armen Leute ausbeutet und die Umwelt ruiniert. Oder du findest dich damit ab, dass du sowieso keine andere Chance hast als mitzuschwimmen und für die Ausbeutung und Umweltzerstörung deinen Beitrag zu leisten. Die Menschen in höheren Etagen der Wirtschaft, denen wir uns 40 Jahre lang unterordnen, haben sich diese Frage vermutlich erst gar nicht gestellt. Ihr Lebens-Sinn, -Inhalt und -Ziel ist es, reich zu werden. Einige von ihnen machen vielleicht die Erfahrung, meist nach einem sehr tiefen Fall, dass sie trotz des ganzen Wohlstandes nicht unbedingt glücklicher gelebt haben als die Leute unter der Isar-Brücke, oder arme Bergbauern in den Alpen. Aber es ist ein sehr geringer Anteil von den restlichen Karriere-Leuten, die niemals die Chance bekommen diese Erfahrung zu machen und weiterhin fleißig Gewinn anhäufen, hoffnungslos in der Illusionen gefangen, sie könnten dadurch evtl. noch «glücklicher» leben. Wenn du niemals am System gezweifelt hast, dann bist du auf dem richtigen Weg. Dann weißt du von vorneherein, wie du dich kleiden und benehmen sollst. Du hättest diesen Abschnitt also ruhig überfliegen können. Aber wenn doch - dann hast  du ein ernsthaftes Problem. Dann verhindert deine Anti-System-Einstellung von vorneherein, dass du eine gute Prüfung ablegst. In dem Fall empfehle ich dir, das Prinzip «Mehr Schein als Sein» dir zu nutze zu machen, um das System mit Raffinesse zu überlisten. Jeder System-Fanatiker, Streber, Kapitalist, Karrierist würde dich sofort an die Wand stellen wenn er erfahren würde, was eigentlich in deinem Kopf vorgeht. Aber du hast verdammtes Glück - sie werden es nie erfahren. Es sei denn, du bist unbedingt scharf drauf, es allen so richtig zu zeigen und alleine als Provokation deine 2-Kilo-Reingeschissen-Hip-Hop-Hose anziehst. Wenn du das unbedingt vor hast, dann kannst du ruhig mit dem Lesen aufhören. Schreib mir eine eMail mit deinen Beweggründen, es unbedingt drauf anzulegen (vielleicht einfach nur, um unbedingt anders zu sein, als deine Eltern). Vielleicht glaubst du, es allein allen so richtig zeigen zu können. Aber du träumst. Niemand wird dich für deinen Mut bewundern. Sie werden allerhöchstens denken «mein Gott, schon wieder so ein Spinner...». Das ist alles. Du kannst innerhalb einer Horde nicht gegen den Strom schwimmen. Entweder, du schwimmst mit, oder du trittst zur Seite. Andernfalls wirst du von der Horde zertrampelt.

Ich hab's so gemacht. Weniger aus Raffinesse, sondern mehr aus dem Grund, weil ich mich mit dem System entgültig abgefunden habe, nach einem seeeehr langen Kampf mit mir selber. Am Tag der Prüfung trug ich schwarze Lackschuhe, weiße Stoffhose und hellblaues Business-Hemd. Ich möchte meinen Style niemanden vorschreiben, jeder hat da eigene Vorstellungen. Zieh dich einfach so an, als würdest du zu einem Vorstellungsgespräch gehen. Benimm dich so, als würdest du vor einem Personalchef sitzen. That's it. Der Rest läuft ganz von alleine. Und Pünktlichkeit - die Tugend No.1 in der Wirtschaft, ganz besonders in Deutschland.

Pünktlich war ich auf jeden Fall. Um 12:55 kettete ich mein Fahrrad an einen Baum vor dem IHK-Gebäude in der Orleansstrasse. Um 13 Uhr stand ich vor der Tür des Prüfungsraumes. Sie stand sperrenweit offen, die Prüfungskommission (bestehend aus 5 Leuten) hat schon «sehnsüchtig auf mich gewartet». Kurze Formalitäten. Ausweiß abgeben. Paar Fragen: «Fühlen Sie sich gesundheitlich in der Lage, an dieser Prüfung teilzunehmen? Haben irgendwelche Aversionen gegen irgend eine Person in diesem Raum, oder glauben Sie dass irgend eine Person in diesem Raum Aversionen gegen Sie hat? Für wen tragen Sie die Präsentation vor? OK, das war's. Sie können mit der Präsentation beginnen.»

Und ich begann. Ich legte eine Folie nach der anderen auf und erzähle was über die Stichpunkte, die auf der jeweiligen Folie abgebildet waren. Ich versuchte die Zeit von 15 Minuten einzuhalten und trotz dem eine saubere und flüssige Präsentation rüber zu bringen. Bei der 7. Folie bin ich etwas aus dem Konzept gekommen als ich versucht hatte, etwas aus meiner Berufserfahrung frei zu erzählen. Hat nicht geklappt, ich kam ins Stottern und legte sogleich die nächste Folie auf. Die Prüfungskommission sagte während der ganze Zeit kein Wort. Einige Prüfer notierten etwas in ihre Unterlagen. Nach der 15. Folie war die Präsentation beendet. Sie bedankten sich und baten mich, kurz draußen zu warten. Mit zitternden Händen, aber doch irgendwie erleichtert, rauchte ich meine Zigarette.

Dann ging's weiter. Das Fachgespräch. Ich wurde wieder in den Raum gebeten und durfte mich setzen. «Herr K, ich habe mit großem Interesse Ihre Dokumentation durchgelesen. Nun hätte ich noch (und meine Kollegen) ein Paar Fragen an Sie!» - «Nur zu!» Die Fragen waren alle recht simpel. Sie passten auch zu meiner Projektarbeit. Der Unterschied zwischen NT4.0 und Win2000 zum Beispiel. Der Unterschied zwischen UTP- und STP-Kabel. Wozu erdet man einen LAN-Verteiler-Schrank. Und was bedeutet die Abkürzung «GmbH». Anscheinend habe ich alle Fragen richtig beantwortet, denn am Ende waren die Prüfer total außer sich. «Herr K, also ich muss schon sagen, das war heute der Highlight des Tages! Sie haben bestanden! Herzlichen Glückwunsch!» - «Könnten Sie mir sagen, wie viel Prozent ich hab?» - «Nein, leider nicht. Aber sie bekommen in den nächsten Wochen einen schriftlichen Bescheid». Als ich das Zimmer verlassen habe und bereits beim Gehen war, holte mich ein Prüfer ein und flüsterte mir zu: «Sie haben 95%! Wie schon gesagt - Sie waren einfach spitze! Kann ich ihre Dokumentation als Muster behalten?» Ach ja, so einen Wisch habe ich auch noch mitbekommen. Auf dem stand: «Der Prüfling hat die Prüfung bestanden». Nachdem man diesen Wisch in der Firma abgibt, ist das Lehrverhältnis beendet.

Wie fühlt sich einer, der gerade aus einem 3jährigen Meister-Sklave-Verhältnis entlassen wurde? Vermutlich als der/die glücklichste Mann/Frau der Welt. Vermutlich als jemand, der nun endlich was zu sagen hat. Vermutlich aber auch als armer Schlucker, der ab sofort der rauen Wirtschaft schutzlos ausgeliefert ist. Nun gilt man als vollwertiger Facharbeiter. Nun muss man vollkommen für seine Fehler gerade stehen. Nun gibt es kein Sicherheitsnetz mehr, was einem auffängt. Aber von einem Sicherheitsnetz habe ich innerhalb meiner Ausbildungszeit eh nichts gemerkt. Insofern gab's da für mich keinen großen Unterschied, mit einer Ausnahme: mehr Kohle. Der verführerische Duft der suchterregendsten Droge, die es überhaupt gibt. Ja, das liebe Geld eben. Die Menschen haben im Lauf ihrer Entwicklung geschafft, ihr ganzes Leben von bunten Papierstückchen abhängig zu machen. Leute arbeiten sich die Seele aus dem Leibe, stehlen, zerstören, bauen wieder auf, bekriegen und versöhnen sich, springen auf dem Fenster, und alles nur wegen dem Geld. Ich habe mich in den 3 Jahren verdammt verändert. Von einem unschuldigen, pickeligen Freak zu einem vollwertigen Rädchen innerhalb eines gewaltigen Uhrwerkes. Was unterscheidet mich eigentlich noch von den oben genannten Karrieristen? Eigentlich nichts mehr. Ich bin gerade auf dem besten Weg, in eine stink-normale, vollkommen unscheinbare Yuppie-Karriere zu versinken; in die Schuhe von jemanden zu schlüpfen, der nach einem harten 9-Stunden-Job den Abend zu Hause mit Bier in der Hand vor dem Fernseher verbringt und einfach nur seine Ruhe haben will. Der lebendige Drang eines pickeligen Freaks, die Welt zu verändern, sich um jeden Preis abzuheben und anders zu sein als die anderen, ist innerhalb der letzten Jahre vom Stress und Leistungsdruck vollkommen erstickt worden. Vielleicht ist es auch genau der Grund, warum man all die Möchtegern-Revoluzzer und Hippies aus den 60ern heute mit Krawatte und BMW-Limousine wiederfindet. Sie hatten sich lange genug ausgetobt, ihre Energiereserven waren am Ende, und von der Sinnlosigkeit ihres Handelns überzeugt, blieb ihnen nichts anderes übrig als aufzugeben und den suchterregenden Duft des Geldes zu schnuppern. Das würde aber bedeuten, dass all die Leute, die nicht die Möglichkeit hatten sich auszutoben (sei es wegen den Eltern, den Nachbarn, der Schule oder was anderem), noch ungeheures Potenzial in sich tragen. Potenzial, irgendwann mal so richtig auszuflippen und Amok zu laufen. Etwas anderes würde dabei wohl eh nicht rauskommen.