Und ich - ebenfalls. Und zwar genau bis zu dem Zeitpunkt, wo ich nach Deutschland, in den vermeintlichen «goldenen Westen» kam. Hier lernte ich den Begriff «Freiheit» aus ganz neuen Perspektiven kennen: Wenn du in einem Dorf vom Punkt A nach B kommen willst, dann musst schön brav auf den Strassen bleiben, du kannst nicht einfach ne Abkürzung durch das Gebüsch nehmen, denn - es ist Privateigentum was nicht beschädigt werden darf, und steht auf einem Privatgrundstück, was nicht betreten werden darf. Du kannst auch nicht auf dem direkten Weg in den umliegenden Wald gelangen, den auf dem Weg dorthin steht ein Schild: «Privatweg. Betreten Verboten!» Und in irgend einen wildfremden Garten reinsteigen und dort die Himbeeren klauen, bei uns immer eine Lieblingsbeschäftigung der Kids - also, so was kann man sich hier überhaupt nicht erlauben, denn das ist eine Straftat, man steigt nicht in fremde Grundstücke und man klaut auch keine fremde Erdbeeren, denn das ist Gesetz, und der muss um jeden Preis eingehalten werden. Für mich als Sohn eines Asylbewerbers kamen noch einige Unannehmlichkeiten hinzu: du kannst nicht einfach so, ohne weiteres, dein Landkreis verlassen und irgendwo hinzufahren: dafür musst du dir erst mal eine Genehmigung vom Landratsamt holen, die dann nur für diesen Tag gilt. Was bleibt dir dann noch von dieser sagenhaften Freiheit des goldenen Westens übrig? Dass du auf den Strassen demonstrieren darfst? Echt tolles Recht, und wirklich ohne jegliche Freiheitseinschränkungen - diese Illusion kann nicht mal von den Polizisten erschüttert werden, die alle anwesenden Leute auf Video filmen - die Freiheit im goldenen Westen ist für mich eine Freiheit im goldenen Käfig. Ja ja, frei darfst du schon sein, aber glaub deswegen nicht, dass du alles tun kannst was dir Spaß macht - die Freiheit jedes einzelnen muss kontrolliert werden, damit sie nicht zu einer Gefährdung des Allgemeinwohls führt!
Und genau das ärgert mich maßlos. Nicht die Tatsache, dass die persönliche Freiheit unter Kontrolle steht, sondern die Tatsache, dass die Leute hier im Westen völlig blind sind und überhaupt nicht erkennen, was mit ihnen passiert. Sie glauben ganz fest an die Illusion des «freien Westens», die ihnen irgend jemand dauernd versucht zu suggerieren. Aber den Finger auf die bösen Russen zeigen - das können sie alle. «Schaut doch nur, wie beschissen es die Leute in der Sowjetunion hatten! Sie konnten ja nicht einmal ihre freie Meinung äußern! Wirklich erbärmlich... Zum Glück ist es ja bei uns nicht so, wir sind ja ein freies Land!» Für mich persönlich jedenfalls besteht kein großer Unterschied zwischen den beiden Systemen, was die Freiheit betrifft. Die Leute hatten bei uns angeblich keine freie Berufswahl - hier haben sie das genau so wenig. Bei uns entschied angeblich der Staat, wer welchen Beruf zu wählen hat (völliger Schwachsinn) - hier entscheidet die Wirtschaft darüber. Die Leute hatten bei uns keine freie Meinungsäußerung - und haben das die Leute hier? Probieren Sie doch mal, sich am Marienplatz hinzustellen und gegen den Staat loszuschimpfen - Sie werden ganz schnell schlicht und einfach für verrückt erklärt und irgendwo eingewiesen, damit Sie nicht mehr die Ruhe und Ordnung gefährden können. Probieren Sie doch mal, auf Paar Demos aktiv zu werden - Sie werden bei der Polizei registriert und stehen ab dato als «Sicherheitsgefährdendes Element» unter Aufsicht. Was das Abhören der Telefone betrifft, immer ein Lieblingsthema für Anti-Kommunisten und einige alt-eingesessene Bayer - so muss ich an dieser Stelle mal auf den Artikel «Der Gläserne Mensch» (Geo) hinweisen, der genau beschreibt, wie praktisch alle Telefongespräche hierzulande vom BND auf «Schlüsselwörter» abgehört werden. Bei uns konnten die Leute nicht in den Westen reisen - hier können sie überhaupt nirgendwo reisen, wenn sie kein Geld haben, was bei der Mehrzahl der Fall ist. Und vielleicht ist es ja allein die formale Möglichkeit irgendwo hinfahren zu können, was einem im Westen ein Stückchen mehr «Freiheitsgefühl» gibt.
Also, Freiheit findest Du weder hier, noch dort. Aber wo? Vielleicht irgendwo im Urwald, auf irgend einer einsamen Insel - ich schätze, frei wärst du dort genau so wenig. Dort müsstest du dich an die Naturgesetze anpassen, wärst GEZWUNGEN dir eine Hütte zu bauen, um beim Regen nicht nass zu werden, wärst GEZWUNGEN dir jeden Tag was zu essen zu suchen um nicht zu verhungern, und so weiter, und so fort. Wahrscheinlich ist es genau das, was Schoppenhauer einst mit der «Unfreiheit des Willens» gemeint hat: «Der Mensch kann zwar tun was er will, aber er kann nicht wollen was er will». Wenn man ein bisschen überlegt, erkennt man all die Tragik dieser «Unfreiheit des Willens». Es geht schon mit der Geburt los: wir haben es uns nicht ausgesucht, auf diese Welt zu kommen. Und trotzdem sind wir hier, ohne dass uns irgend jemand davor gefragt hat. Von früh an das ganze Leben lang müssen wir uns anpassen, anpassen, anpassen, und nochmals anpassen: anpassen an die Wünsche und Forderungen der Eltern, anpassen an die Gemeinschaft, anpassen an die Schule, anpassen an das Berufsleben, und so weiter, und so fort. Hat uns irgend jemand gefragt: «Willst Du Dich überhaupt anpassen? Wenn Du nicht willst, dann brauchst Du es nicht tun!» - Nein, kein Mensch hat uns danach gefragt, denn die Leute finden es völlig selbstverständlich, wenn man seinen eigenen Willen, seine eigenen Wünsche zurücksteckt und sich an die Bedürfnisse der Anderen anpasst, und das alleine aus dem Grund, weil die Anderen in der Überzahl sind. Und dann kommt plötzlich der Tod, wie aus heiterem Himmel, ohne das wir davor gefragt werden: «Willst Du überhaupt sterben?» Nein, wir sterben einfach so, völlig gegen unseren Willen.
Wenn mich heute jemand auf der Strasse fragen würde: «Was bedeutet für Sie Freiheit», dann würde ich mich erst mal paar Minuten lang am Kopf kratzen und dann vermutlich dass hier sagen: «Für mich persönlich bedeutet Freiheit, dass ich Dinge tun kann und lassen, die ich will, ohne jemanden davor um Erlaubnis bitten zu müssen». Und diese Vorstellung über die Freiheit ist eben keineswegs festgelegt, allgemeingültig, auch nicht für mich selber. Um das platonische Höhlengleichnis als Beispiel anzuführen: wenn ich im Gefängnis geboren und mein ganzen Leben an die Wand angekettet wäre, dann würde ich die Fesseln vielleicht gar nicht als Freiheitseinschränkung erleben, sondern das wäre einfach mein Leben, ich wäre völlig zufrieden damit, ich kenne ja gar nichts anderes, warum soll ich dann bitteschön unzufrieden sein? Und sollte ich eines Tages freikommen und die Welt da draußen mit all den grellen Lichtern und all den vielen Leuten entdecken, dann würde ich aus lauter Angst mich freiwillig wieder an die Ketten legen lassen - aus «Angst vor der Freiheit».
Also, meine persönliche, momentane Definition für den Begriff «Freiheit» lautet so: «Freiheit ist, wenn ich zum Essen gehen kann, wann ich will, ohne dass mich irgend jemand oder irgend etwas daran hindert: weder der Chef, noch die Nachbarin, noch die große Entfernung, noch die überfüllte U-Bahn, noch die Zeit, noch das Geld. Einfach nichts!» Wenn ich mir aber diese Definition nun eine Zeit lang anschaue, dann stelle ich fest, in was für einer tragischen Zwickmühle ich mich befinde: angenommen, ich wäre ein Heiliger mit übernatürlichen Kräften, der unter anderem auch fliegen und die Zeit vor- und zurückdrehen kann - wäre das nicht die vollkommene Freiheit? Bedauerlicherweise nicht. Denn alleine schon die Tatsache, dass ich irgendwo essen gehen «will», ist eine Freiheitsbeschränkung. Irgend etwas sagt mir, ich soll jetzt unbedingt «wollen», irgendwo essen zu gehen. Ist das nicht krass? «Aber», höre ich die Menschen rufen, «du gehst doch zum essen, weil DU das willst! Weil DIR das Essen schmeckt!» Aber wer sagt MIR, was ich jetzt gefälligst zu WOLLEN habe? Wer sagt MIR, was mir gefälligst schmecken soll und was nicht? Würde jetzt die Antwort «du selber» lauten, dann wäre die Zwickmühle perfekt: ich selber zwinge mir irgendwelche Wünsche auf und nimm mir selber die Freiheit weg. Also gibt es auf dieser Welt gar keine Freiheit - das ist die einzige logische Schlussfolgerung, die man daraus ziehen kann. Der Begriff «Freiheit» ist eine Illusion. Das, was wir unter «Freiheit» empfinden ist nur die Vorstellung, dass wir die Möglichkeit besitzen, im relativ engen Rahmen selber über unser Schicksaal zu entscheiden und danach zu handeln. Doch eine absolute, vollkommene Freiheit gibt es einfach nicht und wird es auch niemals geben - wahrscheinlich nicht einmal nach dem Tod.
Also muss wohl jeder selbst entscheiden, was er sich unter dem Begriff «Freiheit» vorstellt - im Rahmen der Möglichkeiten, die diese Erde, dieses Leben, bieten. Weiter oben habe ich bereits mit Hilfe des platonischen Höhlengleichnisses versucht zu verdeutlichen, wie verschieden die Vorstellungen über Freiheit sein können. Es gibt Menschen, die alleine schon solche alltäglichen Dinge wie Pünktlichkeit, Zeitplanung, Zeiteinteilung, Ordnungen, Regeln, Gesetze, Traditionen, Verantwortung, überhaupt alles was auf irgend eine Weise mit Festlegen-Wollen zu tun hat, als massive Freiheitsbeschränkung empfinden und vor denen panikartig davon flüchten und sie zu umgehen versuchen - notfalls mit «Flucht in die Krankheit». Und es gibt wiederum Menschen, die ihre Freiheitsansprüche (und die der anderen Menschen rundherum) gerne zurückstellen und stattdessen lieber darauf achten, dass man (und die anderen rundherum) genau nach Regeln, Gesetzen, Ordnungen, Konventionen lebt, denn Regeln und Ordnungen sind der beste Schutz vor der Angst - der Angst vor etwas unvorhergesehenem, etwas neuem, etwas unberechenbarem - der Angst vor der Freiheit.