Der «Affen-Park» ist eine Parkanlage an der Schwantaler Höhe, die vor einigen Jahren an Stelle des riesigen Wenderinges für die Trambahn aus dem Boden gestampft wurde. Diese Parkanlage ist hübsch anzusehen und passt vorzüglich zu den neugebauten Bürokomplexen gegenüber, mit denen im Stadtbezirk «Westend» eine neue Ära einsetzte. Diese Umstrukturierung kennt man auch in anderen deutschen Großstädten und nennt sie «Luxus-Sanierung», wobei der Volksmund eher von «Snobalisierung» spricht. Der nicht kundige Leser bedarf vielleicht einer kurzen Erläuterung. Ich möchte den Bezirk Westend als Beispiel anführen, weil hier die Snobalisierung an einem sehr interessanten Punkt angelangt ist:
Der Bezirk Westend ist ein typischer Altbau-Bezirk mit schmalen Straßen, dreckigen Hinterhöfen und Außenklos. Es war ein typischer Arbeiter-Bezirk mit der höchsten Ausländerquote der Stadt, und kein normaler Bürger wollte hier einen Fuß reinsetzen, geschweige denn hier leben. So konnten sich die Ausländer ungestört entfalten und dem Bezirk eine typische, unverwechselbare Note verpassen. Die Türken und die Araber bauten sich ihre Döner-Läden, ihre Süpermarket und ihre Bäckereien mit Köstlichkeiten aus dem Orient. Und die Jugoslaven besorgten sich Stühle und verlegten ihre Wohnzimmer auf die Straße. Den ganzen Tag bis in die Nacht hinein hockten sie an den Bürgersteigen, tranken Wodka und Raki, rauchten, spielten Karten und lachten. Abends und an Wochenenden herrschte in den Straßen eine Stimmung wie auf dem Basar. Das ganze Viertel pulsierte und war voller Leben.
Der Bezirk Westend hatte eine vorzügliche Lage. Fünf Minuten bis zum Oktoberfest. Fünf Minuten bis zum Mittleren Ring. Fünf Minuten bis zur U-Bahn. Zehn Minuten bis zur S-Bahn. Keine zehn Minuten bis zum Hauptbahnhof. Tram und Bus vor der Haustüre. In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich das Messegelände und ein großer Park. Nicht der «Affen-Park», dazu kommen wir noch später. Das ganze Viertel war wie ein Frosch, das darauf wartete, von einem schönen Prinzen entdeckt und wachgeküsst zu werden.
Aus irgendwelchen kuriösen Gründen kam kein Schöner Prinz auf die Idee, sich in dem Viertel zu verirren und es wach zu küssen. Lange Zeit nicht. Doch dann, in den späten 90ern, verirrten sich doch ein paar von denen. Sie waren erfolgreiche Betriebswirtschaftler und hatten teure Anzüge und seidene Krawatten. Sie gingen durch die Straßen und waren entzückt von dem Flair, das dieses Viertel ausstrahlte. Und die Snobalisierung begann. Zuerst kamen die Architekturbüros. Sie begannen im Hinterhof und arbeiteten sich allmählich in Richtung Straße vor. Dann kamen die ersten Afro-Shops und Second-Hand-Läden. Dann kamen die sogenannten «Kunstläden», wo die gleichen Stühle angeboten wurden, auf denen die Jugoslaven ihren Raki tranken. Nur kostete dort ein solcher Stuhl 150 bis 300 Euro. Schließlich kamen die ersten Designer-Shops, die durchgestylten Luxus-Bars und die ersten Gerüste an den Hausfassaden. Damit war der Point-Of-No-Return überschritten, und die Snobalisierung unumkehrbar.
Die kundigen Leser aus anderen großen Städten wissen ganz genau, was als nächstes kommt. Als nächstes kommt die Sanierung der Häuser, um die Mietpreise zu erhöhen oder um die Wohnungen zu verkaufen. Die ehemaligen Mieter können sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten und müssen wegzuehen. Diese ehemaligen Mieter sind die Türken und die Jugoslaven, die draußen auf der Straße sitzen und Raki trinken. Je mehr von diesen Leuten wegziehen, desto weniger sitzen von denen draußen auf der Straße. In die sanierten Wohnungen ziehen nun die Schönen Prinzen ein. Keiner von denen würde auf die Idee kommen, auf die Straße zu gehen, um mit dem Pöbel Raki zu trinken. Sie trinken lieber ihren Caipirigna oben auf dem Balkon oder in den Luxus-Bars, und blinzeln selbstgefällig in die Sonne. Von dort aus haben sie einen wunderbaren Ausblick auf den Pöbel, über den sie sich amysieren können. Von dort aus haben sie auch einen Ausblick auf das Viertel, das jeden Tag ein Stückchen schöner wird.
Eines Tages ist das Wunder vollbracht. Die letzten Süpermarket sind geschlossen, der letzte Pöbel ist ausgezogen, die Jugoslaven-Stühle sind über den «Kunstladen» verscherbelt worden, und der «Kunstladen» nennt sich jetzt «Snob'n'Bar». Das Viertel ist schön geworden. Die Straßen sind ordentlich und sauber, die Fassaden glänzen prächtig. Die Schönen Prinzen und Prinzesschen flanieren durch das Viertel und langweilen sich zu Tode. Das ist nicht mehr das Viertel, in das sich sich einst verliebt hatten. Jetzt begreifen sie allmählich, dass sie sich selbst die Existenzgrundlage vernichtet haben. Ihre Existenzgrundlage lebt nun in riesigen Plattenbau-Wüsten am Rande der Stadt. Und dorthin wollen die Schönen Prinzen und Prinzesschen auf keinen Fall ziehen.
Doch das ist für den Bezirk Westend noch Zukunftsmusik. Noch gibt es die Süpermarkets, noch sitzen die Jugoslaven. Im Moment befindet sich die Snobalisierung im Stadium der ersten Designer-Shops und Luxus-Bars und Gerüsten an den Hausfassaden. Am Point-Of-No-Return sozusagen. Der nächste Schritt wäre nun, die ganzen Häuser und Wohnungen auf zu kaufen, zu renovieren und an die Schönen Prinzen zu verkaufen. Und hier kommt eine interessante und pikante Schwierigkeit, die auf das Potenzial des Bezirkes hindeutet: Etwa die Hälfte der Wohnungen gehören einer Genossenschaft. Die einzige Möglichkeit an die Wohnung ran zu kommen ist es, bei dieser Genossenschaft Mitglied zu werden und Beiträge zu zahlen. Dann kann man sich auf eine Warteliste setzen lassen und bekommt irgendwann mal die Wohnung, wenn die Nase des künftigen Mieters der Genossenschaft zusagt. Dummerweise ist der Chef dieser Genossenschaft ein überzeugter Sozialdemokrat.
Das andere Potenzial des Bezirkes ist der bereits erwähnte «Affen-Park» oder «Affen-Schaukel». Hier sitzen die Jugoslaven beim Raki und Schachspielen, hier schreien und toben die Kinder, die Skateboarder fliegen auf die Fresse, und die Frauen mit Kopftüchern spucken die Sonnenblumenkerne aus. Gegen die Jugoslaven, Skateboarder und tobende Kinder wäre ja im Prinzip nix auszusetzen. Gegen die Frauen mit Kopftüchern und Sonnenblumenkernen eigentlich auch nicht. Nur haben dummerweise auch die Junkies aus der Westendpraxis die Angewohnheit, diesen schönen Park auf zu suchen. Sie kommen nach der Methadon-Ausgabe her, um sich die «Dias» (Diazepam) einzubauen, Jägermeister zu trinken, Drogenhandel zu betreiben und auf die Wirkung vom Methadon zu warten. Daher auch der Name des Parkes.
Sobald die Junkies mit Dias, Alkohol und Methadon zugedröhnt sind, fangen sie an rum zu schreien, rum zu pöbeln, sich zu prügeln und furchtbare Ausdrücke von sich zu geben. Die Schönen Prinzen und Prinzesschen sitzen auf der gegenüberliegenden Straßenseite beim Mittagskaffee und sind verstört und irritiert über soviel Kultur- und Niveaulosigkeit. In dem Glauben, dass die Welt auf der Straße genau so funktioniert wie in seinem Umfeld, läuft der Schöne Prinz erbost auf die andere Straßenseite, um sein Unbehagen kund zu tun. Es dauert keine zwei Minuten, und von der anderen Straßenseite erklingen zwei ziemlich laute Rückmeldungen. Der Inhalt der ersten Rückmeldung ist «Verpiss dich, du Hurensohn!», und die zweite ist «Du hässliche Bonzen-Schwuchtel!».
Der Schöne Prinz kommt wieder zurück und ist totall verstört und gekränkt. Schließlich steckt auch in ihm ein «richtiger Mann», der sich das nicht gefallen lassen möchte. Angesichts seiner bescheidenen Möglichkeiten auf der Strasse bleibt dem Schönen Prinzen nichts anderes übrig, als sein Handy aus zu packen und die Polizei zu bestellen. Die Polizei kommt dann auch, geht auf die andere Straßenseite, erteilt Platzverweise und fährt wieder davon. Wenig später sind die Junkies wieder vollzählig, und das Affentheater geht weiter.