Igor K - Chronik 2005

Hallo Nina,

von der Frau G. hab ich erfahren dass du dich nach Afrika absetzen willst, da musste ich mich einfach melden. Tut mir leid dass es so spät geworden ist...

Im November 04 war ich also dabei, endgültig nach Berlin umzuziehen. Alles lief wie am Schnürchen, die Wohnung wurde weitervermietet, der Vertrag war kurz vorm Auslaufen, der Transport war organisiert, die Kisten gepackt. Kurz vor der Abreise machten sich die ersten Anzeichen einer Depression wieder bemerkbar. Am Abend des letzten Tages saß ich beim Zwergarl. Zwergarl war der beste und innigste Freund, den ich jemals in meinem Leben hatte. Als ich mich verabschiedet habe und an der Tür stand, kamen mir die Tränen. Auf dem Nachhauseweg bin ich in Weinen ausgebrochen. Am nächsten Tag in der früh fing ich wieder an zu weinen. Plötzlich wurde mir klar, dass ich jetzt ohne Zwergarl, meine Leute und ohne meine gewohnte Umgebung auskommen musste. Den ganzen Weg Richtung Berlin weinte ich. Weinend bin ich in Berlin angekommen. Weinend den Abend und die Nacht verbracht. Am nächsten Tag weinte ich immer noch und hatte plötzlich Heimweh. Die Leute in Berlin (die mich ja kaum kannten) waren wirklich nett und haben mir geholfen und haben gesagt dass es normal ist, wenn man in eine neue Stadt ankommt und von Neuem anfangen muss. Aber es hat nichts genutzt. Die Depression ist in voller Stärke ausgebrochen, ich hatte kein Appetit und konnte nicht schlafen. Am 3. Tag hab ich beschlossen, das Handtuch zu schmeissen und in München von Neuem anzufangen. Die Leute haben gesagt dass ich Spinne, aber es war mir egal. Am 4. Tag stand mein Entschluss fest. Ich packte in zwei große Türkentaschen das Nötigste rein und setzte mich in den ICE. Der Zwergarl hat alles liebevoll für meine vorübergehende Hausung vorbereitet, und am Abend in München beim Zwergarl war ich scheinbar glücklich.

Ich versuchte sofort einen Job zu bekommen, doch es hat nicht funktioniert. Dann erfuhr ich, dass mein Aufenthalt nur dann verlängert wird, wenn ich einen Job und ne freifinanzierte Wohnung nachweisen kann. Die Depression wurde unerträglich, zusätzlich kamen Angstzustände. Ich hatte das Gefühl, dem Zwergarl auf der Tasche zu liegen und ihn mit meinem Zustand runterzuziehen, er hatte selber Probleme ohne Ende. Ich ging zum Psychiater und ließ mir Antidepressiva verschreiben. Die Depression und die Angstzustände verstärkten sich noch mehr. Zur ersten Mal nach langer Zeit wollte ich mich ernsthaft vor die U-Bahn werfen. Als der Zwergarl gefragt hat was mit mir los sei, warum ich so am Ende bin, teilte ich ihm mein Vorhaben mit. Er brach in Tränen aus und bat mich, es nicht zu tun. Mit soviel Mitleid, Liebe und Zuwendung war ich überfordert. Um mich selber zu schützen und den Zwergarl vor mir zu schützen, ging ich am nächsten Tag zum Psychiater und ließ mich nach Haar in die Klapsmühle einweisen. Dort blieb ich eine Woche. Zur gleichen Zeit kam ne SMS aus Berlin, ich möchte doch Bitte mein Zeug abholen, die Mädchen wollen den Wintergarten nutzen. Ich hatte keine Ahnung wie, der Typ, der das Zeug nach Berlin gefahren hat (eigentlich ein «Kumpel» von mir), wollte von mir nix mehr wissen.

In Haar hat sich mein Zustand etwas gebessert. Lag an den Mitpatienten, denen es noch dreckiger ging als mir, und alle haben sich dort drinnen total unterstützt. Die Station 10e, wo ich drinnen war, nannte sich «Krisenintervention». Dort gab's keine Napoleons, keine Elvis Presleys und keine Typen, die mit ihren Taschenlampen telefonieren. Lauter Leute wie du und ich, die fertig mit der Welt (und sich selber) waren. Der maximale Aufenthalt auf der 10e dauert 10 Tage. Dann wird man entlassen oder wo anders hinverfrachtet. Die Psychologen, Psychiater und Oberschwestern in Haar haben alle den selben Gesichtsausdruck, den sogenannten «Haar-Gesichtsausdruck.» Den kriegt man, wenn man lange genug in Haar arbeitet und noch nicht an Alkohol verreckt ist. Dieser Gesichtsausdruck ist nicht zu beschreiben, man muss es einfach sehen. Unbeschreiblich ist auch die Art, wie sie mit einem Umgehen. Haar ist halt eine richtige Psychopharmaka-Elektroschock-Klapsmühle, eine der größten und schlechtesten von ganz Deutschland, ich glaub sogar die größte (und die schlechteste). Groß genug, um alle «Verrückten» aus München wegzusperren, die in München nicht gesehen werden dürfen. Nicht sehr empfehlenswerter Ort.

Nach Haar ging ich zum Wohnungsamt und ließ mich nach Neuperlach in den Container einweisen. (Ich hatte Glück dass ich mich in Berlin nicht angemeldet habe, sonst hätte ich den Platz nicht bekommen.) Ich kam ins Zimmer zu einem Schwerst-Alki mit 8 Jahren Knast hinter sich. (Die meisten im Container hatten Knast hinter sich.) Am nächsten Tag ging ich ins Büro und bat um ein Einzelzimmer, doch Einzelzimmer gab's drinnen nicht und man musste beim Wohnungsamt ein Psychiatrisches Gutachten vorlegen, um ein Einzelzimmer zu bekommen. Einer von den Mitarbeiter kam auf die Idee, meinen Freund Flo aus dem Container Bodenseestraße rauszuholen und mich mit ihm auf's Doppelzimmer in Neuperlach zu legen. Der Flo war sofort einverstanden, schließlich ist Neuperlach viel besser als die Gegend, wo er war (und der Container war auch besser).

Der Flo war selber 3 Monate in Haar und hatte immer noch enorme psychische Probleme. Wir beide zogen uns gegenseitig runter. Ich hatte 24 Stunden am Tag Selbstmordabsichten (und in Neuperlach gibt's ne Menge Wohnblocks). Nur mit Benzodiazepinen (starkes, abhängigmachendes Mittel gegen Angstzustände) und viel Alkohol konnte ich kurze Momente des Glücks hervorrufen. Zuerst war unser Zimmer im 1. Stock, da wohnten ausländische Familien mit Kindern, es war immer sehr lustig und nett da oben. Doch dann wurden wir (rechtmäßig) in den Erdgeschoß zu den fertigen Knackis, Alkis, Psychos und Drogenleichen verlegt. Fast täglich kam ein Krankenwagen oder Bullenwagen, weil dort einer umgekippt ist oder auf die Fresse bekommen hat. Jeden Tag nach dem Aufwachen sah ich einen 15stöckigen Wohnblock aus dem Fenster. Ich wusste, dass das kein gutes Ende nehmen wird, ich wollte ja (im Grunde genommen) leben und wieder gesund werden. Ich musste raus aus dem Container und hatte die Idee mit ner therapeutischen Wohngemeinschaft (TWG). Ich bewarb mich in ganz München und hatte nach 3 Wochen einen Platz in der TWG Hamburger Straße der DAP (Deutsche Akademie für Psychoanalyse). Die Hamburger Straße ist eine kleine Seitenstraße im Stadtteil Milbertshofen im Münchner Norden, Ecke Schleißheimer Straße / Frankfurter Ring. Der Stadtteil Milbertshofen ist ein Stadtteil für arme Leute: Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Alkis, Penners, «Asoziale», Ausländer und sozial schwache Familien. Die Leute laufen dort mit abgetragenen Pullis und Sporthosen rum; es gibt dort so gut wie keine Bonzen und arrogante Schicki-Mickis bzw. solche, die es gerne wären. Im Prinzip wie Neuperlach, nur gibt es dort im Vergleich sehr wenig «Gangstas», die mich zu damaligen Zeit viel mehr ankotzten als jemals zuvor. Und es auch heute noch tun. Ich hab mich in dem Stadtteil relativ wohl gefühlt, denn schon vor Jahren stellte ich fest: bei den armen Leuten geht es weitaus herzlicher und sozialer zu als bei den Bonzen.

Die Leichen, die in der TWG wohnten, waren fast alle genau so fertig wie im Container, aber anders. Alle waren sie voll in ihrem Psycho-Film drinnen und hatten Hoffnungen auf Erfolg. Das Wohnzimmer war durchgedrungen von dem Gestank nach Leuten, die auf Psychopharmaka drauf waren. Und die waren auf wirklich viel Psychopharmaka drauf - Antidepressiva, Neuroleptika, Benzos, Lithium, Schlafmittel, alles gleichzeitig, alles regelmäßig, alles seit Jahren - dass die Leber noch nicht kapituliert hat, war ein Wunder... Was für die Leute im Container H und Alkohol ist, ist für die Leute in TWG Neuroleptika und Antidepressiva, nur mit dem Unterschied, dass die Leute in der TWG Hamburger Straße sich als bessere Menschen ansahen; als Menschen, die den rechten Weg eingeschlagen haben, die eine große, glückliche Zukunft vor sich haben. Alle schwärmten sie von der Klinik Menterschwaige, wie toll es dort sei und wie viel es ihnen das gebracht hat. Gegen die Langeweile gab's ein strammes Programm: jeden Dienstag Sitzung in der WG, jeden Donnerstag «Milieu-Sitzung» in der Menterschwaige, jeden Freitag Großgruppen-Sitzung in der Zentrale Goethestraße, und jedes zweite Wochenende Projektarbeit. «Sie werden hier bei uns gefordert», sagte dazu ein «Therapeut». Die «Therapeuten» waren zum großen Teil Patienten- und Ex-Patienten der DAP, umgekehrt konnte ein «Therapeut» jederzeit wieder Patient werden. Die meisten der «Therapeuten» hatten eine manifestierte Persönlichkeitsstörung, die sie selber als «Erfolg der DAP-Therapie» ansahen. Ungeduld und Wutausbrüche der «Therapeuten» und langjähriger Patienten waren an der Tagesordnung. «Aggression» ist nämlich das zentrale Konzept des Herrn Ammon, dem Begründer der DAP (seine Büste steht im Eingangsbereich der Klinik Menterschwaige, seine Frau lebt noch und pendelt zwischen Berlin und München hin und her - was für ein feines Leben). Es gibt 3 Arten der Aggression: konstruktive, destruktive und defizitäre. Ein Mensch, der in der Lage ist, konstruktive Aggression zu äußern, war ein gesunder Mensch. Jeder mit ner destruktiven und/oder defizitären Aggression war krank und musste erstmal Aggression lernen, um überhaupt erst gesund zu werden. Deswegen war «Wut ausdrücken» dort auch so wichtig. Und deswegen wurde auch in jeder Sitzung und im alltäglichen Umgang so laut rumgebrüllt und geschimpft - denn alle wollten sie gesund werden. Die Sitzungen waren ein Schauspiel, so was hast du noch nie gesehen. Das ist wirklich etwas, was ich vermisse. Es war immer so lustig mit anzusehen - bis es einem selber traf. Dann war man selber gezwungen, «Wut auszudrücken», und es war nicht immer einfach. Ein Mensch, der das ganze Schauspiel brav mitgemacht hat, war «auf dem richtigen Weg». Ein Mensch mit kritischen Ansichten hat es «noch nicht verstanden», hatte «Widerstände», «Übertragungen» und so weiter. Na ja. Es gab dort einige Menschen, die es «noch nicht verstanden» haben, und mit denen bildete ich eine Clique. War ne relativ schöne Zeit. Nur wer keine Arbeit hatte, war verpflichtet in eine Tagesstätte zu gehen. Tagesstätte, das ist Kindergarten für Erwachsene. Dort kann man kochen, Bilder malen, Töpfe basteln, Lego spielen und der gleichen mehr. Nur die Zeit absitzen und ein Buch lesen - das sahen sie nicht gerne. Man musste sich schon am gemeinschaftlichen Leben beteiligen. Kann ich irgendwie verstehen. Ich jedenfalls ging nicht gerne in die Tagesstätte. Ich hab fast regelmäßig geschafft, mich davor zu drücken.

Der Papierkrieg mit den Behörden war unbeschreiblich. Zu der Zeit wurde in den ganzen Sozialämtern die EDV auf Hartz IV umgestellt, und die Sozialämter wurden in «ARGE für Beschäftigung GmbH» umbenannt. Die Sachbearbeiter wechselten wöchentlich, die Zuständigkeiten zweiwöchentlich, ein Teil meiner Unterlagen ist für immer verschollen, das Chaos war perfekt. Ich kam mit meinen Anträgen wirklich zu einem falschen Zeitpunkt an. Hätte ich eine Wohnung, dann wäre ich schon längst rausgeflogen. Doch die in der TWG hatten Verständnis dass die Miete 3 Monate lang nicht bezahlt wurde, insofern hatte ich echt Glück damit. Nur mit dem Geld wurde es einbisschen knapp. Aber alle in der TWG hatten ständig Geldprobleme. Die Einzelsitzungen wurden von der Kasse bezahlt, doch die Gruppentherapie musste man selber zahlen, und das waren bis zu 50 Euro pro Sitzung (1-2x die Woche). Ich hatte weder Einzel- noch Gruppentherapie, und es war natürlich ganz allein meine Schuld, dass ich mich darum noch nicht gekümmert habe. Um Geldprobleme zu lösen (unter anderem Schulden bei der DAP zu tilgen) gab ein «Therapeut» einer Mitbewohnerin mal den Tipp, ihre Haftpflichtversicherung aufzulösen.

Die Depressionen und Angstzustände wurden etwas besser, aber nicht wirklich. Die Antidepressiva haben bis auf die Nebenwirkungen absolut nichts gebracht. Ich stand echt dumm da ohne ne Therapie. Irgendwie hab ich mich innerlich geweigert, eine DAP-Therapie anzufangen. Andererseits wollte kein DAP-Therapeut mich haben. Es hieß, es liege an der «Übertragung» und «spürbar fehlender Motivation» meinerseits. Auf die Idee, zu einem Nicht-DAP-Therapeuten zu gehen, kam ich damals nicht. Irgendwie hatte ich die naive Idee, die DAP wäre weiter als die konventionelle Psychotherapie. Ich wollte unbedingt in die Klinik Menterschwaige, von der alle so geschwärmt haben.

Und eines Tages war ich tatsächlich in der Klinik. Dort musste man um Therapie kämpfen. Wenn man bloß nur dahockte, dann kriegte man bis auf die Mahlzeiten gar nichts. Die Therapieangebote waren echt vielfältig: Einzeltherapie, Gruppentherapie, «Milieu»-Therapie, Maltherapie, Tanztherapie, Theatertherapie, Filmtherapie, Reittherapie, Gruppenarbeit (die hab ich regelmäßig verpennt). Vom Ansatz her nicht schlecht. Die meisten Therapien bekam ich nicht. Meine Einzeltherapeutin war eine überlastete, desinteressierte, ungeduldige, verbitterte Hexe, die mich stark an meine Mutter erinnerte. (Neulich hab ich sie in der U-Bahn gesehen, sie sah wirklich scheisse aus.) Sie war auch im ganzen Haus berüchtigt. Sie leitete auch meine Gruppentherapie und die Tanztherapie. Der einzig gute war mein schwuler Privattherapeut. Zu dem konnte man immer kommen wenn die Kacke am dampfen war, und er hatte immer ein offenes Ohr. Doch die eigentliche Therapie sollte ja nicht dort passieren, sondern bei der Einzel- und Gruppentherapie, also bei der Hexe. Echte Scheisse.

Abends schlich ich mich immer raus, ging zur Trambahnhaltestelle und fuhr ein paar Stationen bis zur nächsten Tankstelle, um mir ein Bier zu kaufen. Die leere Bierflasche stellte ich aus Protest kurz vor dem Klinik-Eingang ab. Eines Tages, am Wochenende, kam ich auf die Idee, nach langer Zeit wieder Gras zu besorgen und dazu ein Bierchen zu trinken. Das war eine wirklich dumme Idee, durch das Gras kamen die Angstzustände voll hoch. Als ich abends in die Klinik zurückkam, konnte ich als lauter Angst niemanden sehen und ging sofort ins Bett. Plötzlich kam eine Nachtschwester mit nem Alkoholtestgerät daher, und es kamen etwa 0,3 Promille raus. Seit dem Zeitpunkt wurden die Typen in der Klinik plötzlich hellwach. Sie trauten meinen Lügengeschichten nicht mehr, dass ich kein Drogenproblem hätte. Immer wieder kamen sie mit dem Testgerät an. Eines Tages nahm ich Gras mit in die Klinik und rauchte mit ein paar Leuten einen Joint. Mit einem von denen kam es am folgenden Tag zum Stress, ich beleidigte seine Mutter, und aus Rache verpetzte er mich bei den Klinik-Typen. Am nächsten Tag, in der früh, kam einer mit nem Urin-Behälter an, begleitete mich zur Toilette und blieb hinter mir stehen. Doch ich konnte wirklich nicht pissen. Doch ich musste es auch nicht mehr. Mein Drogenproblem wurde in der Gruppentherapie mit der Hexe thematisiert, und die Hexe kam mit den anderen «Therapeuten» zum Entschluss, dass ich nicht genug motiviert für die Klinik bin. (In der Gruppentherapie waren zwei Drogenleute dabei, einer aus Berlin, der andere aus Köln. Sie konnten mit mir richtig mitfühlen und trauten sich sogar, ihre ehrliche Meinung zum Thema zu äußern, die sie die ganze Zeit verheimlicht haben.) Am Nachmittag kam die fristlose Entlassung. Alle meine Bitten nutzten nichts. Als ich mit meinen Türkentaschen zur Trambahnhaltestelle ging, traf ich einige Leute aus der Klinik, die ich echt gerne gewonnen hab und die mich auch. Es war echt ein trauriger Abschied. Statt in die TWG zu fahren, fuhr ich mit meinen Türkentaschen nach Neuperlach in den Container, traf den Flo und die anderen Leute und übernachtete dort in meinem ehemaligen Bett (das Doppelzimmer wurde seit meinem Auszug noch nicht belegt, das Bett war frei). Zusammen schauten wir uns den Film «Einer flog über das Kuckucksnest» mit Jack Nicholson an (1975). Ein wirklich großartiger Film, hat nicht umsonst 5 Oscars bekommen. Ich entdeckte Parallelen von der Psychiatrie von damals zu heute. Vieles hat sich bis heute nicht verändert. Wie in dem Film: Die Therapeutin fragt die Patienten um Meinungen zum Thema, und wenn keine Meinung kommt, dann äußert sich die Therapeutin selbst. Dieses Schema hab ich in der DAP immer wieder beobachtet. Und wie in dem Film wird eines klar: die in der Psychiatrie sitzen immer am längeren Hebel. Der Gefickte bist du.

An diesem Abend im Container ist mir einiges bewusst geworden. Ich hab erkannt dass ich mit der DAP nicht «den richtigen weg» eingeschlagen habe. Dass die Leute im Container genau so gleichwertig und genau so weit waren wie die in der TWG. Viele von denen hatten selber Erfahrungen mit der Psychiatrie und TWGs. Ich spürte, dass das Ende Meines Aufenthaltes in der TWG naht.

Als ich am nächsten Tag mit meinen Türkentaschen in die TWG Hamburger Straße reinging, wurde ich sofort zu den «Therapeuten» ins Büro gebeten. Die fristlose Kündigung lag bereits auf dem Tisch, sie wollten mich sofort raushaben weil ich a) mein Drogenproblem die ganze Zeit verheimlich habe und b) immer noch keinen Therapieplatz hatte. Ich konnte sie gerade noch erbetteln, mich doch nicht rauszuwerfen. Ich konnte bleiben unter der Bedingung dass ich a) einen Therapieplatz kriege, b) täglich in die Tagesstätte gehe und c) mehr Motivation zeige und mich stärker am gemeinschaftlichen Leben beteilige. Die ganze folgende Woche ging ich täglich in die Tagesstätte und bemühte mich um einen DAP-Therapieplatz. Doch ich bekam keinen. «Zu unmotiviert.» Im Lauf der Woche wollten die TWG-«Therapeuten» einen Urintest von mir haben. Ich ging deswegen in die Klinik, doch nachdem ich ihnen erzählte dass ich vor 14 Tagen das letzte mal Gras geraucht habe sagten sie dass es dann auch keinen Sinn mache, einen Urintest zu machen. Am Donnerstag wurde ich erneuert zu den «Therapeuten» ins Büro gebeten. Die fristlose Kündigung lag in neuer Ausfertigung (diesmal noch zusätzlich mit Hausverbot) auf dem Tisch, und diesmal nutzten meine Bitten gar nichts. Sie waren knallhart und eiskalt und sagten mir dass ich a) immer noch keinen Therapieplatz habe, b) anscheinend immer noch Drogen konsumiere weil ich keinen Urintest abgeliefert habe, und c) immer noch keine Motivation zeige und mich ungenügend am gemeinschaftlichen Leben beteilige. Weil sie so gütig waren, kündigten sie mich nicht gleich sondern erst am nächsten Tag, Freitag, weil da das Wohnungsamt offen hatte. «Sie sind ein Vagabund. Gehen Sie dorthin zurück wo Sie hergekommen sind und überlegen Sie sich die ganze Sache noch mal ganz genau. Und wenn Sie dann so weit sind und keine Drogen mehr nehmen, dann gehen Sie in die Klinik Menterschwaige.» Mein winziges Zimmerchen (kostete über 450 Euro im Monat, viel mehr als meine viel größere Wohnung damals) musste ich nicht großartig räumen, da ich mich eh nicht drinnen eingerichtet habe - alle Sachen (2 Türkentaschen voll) standen immer noch eingepackt am Platz, jederzeit bereit zum abhauen. Ich rief den Flo an. In unser gemeinsames Doppelzimmer wurde neulich ein Typ reingesteckt, doch der war 1x da und ist seit dem spurlos verschwunden. Die Sache sieht gut aus. Doch es fehlt an Besteck und Geschirr, alles wurde geklaut. Nach dem ich das Telefon aufgehängt habe, ging ich in die Küche und steckte das nötige Geschirr und Besteck in die Türkentaschen. Ich hatte kein schlechtes Gewissen dabei, warum auch - alles war 3fach und 4fach vorhanden, und irgendwie bluten musste die DAP schon, auch wenn es die falschen Leute traf. Aber eigentlich kannst du dort schlagen wen du willst - du erwischt immer den Richtigen. Das vergangene halbe Jahr hat mich knüppelhart gemacht.

DAP, also die Deutsche Akademie für Psychoanalyse, ist eine reine Psychosekte, die damals berühmt-berüchtigt wurde, als Herr Ammon noch lebte. Die haben ein eigenes Psychoanalyse-«Konzept» entwickelt und sich von der konventionellen Psychoanalyse abgekapselt. Ammon und seine Jünger wurden seit dem in keinem einzigen Psycho-Buch mehr zitiert, genau so wie die DAP von den normalen Psycho-Büchern nix wissen will. Sie haben ihre eigenen Psycho-Bücher, ihre eigenen Theorien, ihre eigenen Psychologen und Psychiater und «Therapeuten» und Patienten, ihre eigenen Immobilien, eigene Kohle und kochen ihr eigenes Süppchen. Manch ein Psychiater schwärmt von den tollen Erfolgen, die sie erzielen. Ich persönlich kann nur raten - Finger weg. Wenn du mehr Infos über die DAP haben willst, dann schau einfach ins Internet, Suchmaschine www.google.de, Suchbegriffe: DAP+Ammon, Suche nur auf Deutsch, und dann auf Ok klicken. Die 1. Seite, die angezeigt wird, ist es dann. Schade, ich hab immer noch nicht erfahren was eigentlich «Milieu»-Therapie bedeutet. Um welches «Milieu» geht es da? Drogen-Milieu? Stricher-Milieu?

(Zur Info: von unserer Clique, also von denen, die es «noch nicht verstanden» haben, ist kein Einziger übrig geblieben. Alle haben gekündigt, oder sind gekündigt worden.)

Drogen und Psychologie/Psychiatrie/Psychoanalyse, das verträgt sich absolut nicht miteinander. Sobald irgendein Psychologe/Psychiater/Psychotherapeut mitbekommt dass du irgendwelche Drogen nimmst, wird das zum zentralen Thema. Der Drogenkonsum wird fast schon zum hauptsächlichen Grund für deine Störungen. Viele Psychologen/Psychiater/Psychotherapeuten haben es noch nicht begriffen und werden es wahrscheinlich auch nie begreifen, dass der regelmäßige Drogenkonsum in 99% der Fällen DIE FOLGE einer vorausgegangenen seelischen Erkrankung und/oder Belastung ist, nicht deren URSPRUNG. Das beste Beispiel ist mein Vater: der Mann hat noch nie in seinem Leben irgendwelche Drogen genossen, noch nie geraucht und vielleicht 3x im Leben Alkohol getrunken. Der Mann ist jedoch mindestens genau so gestört wie ich, wenn nicht noch gestörter. Mag schon sein dass durch den Drogenkonsum die Erkrankung nur noch schlimmer wird, dass die Gefühle und Erinnerungen verdeckt werden, was eine erfolgreiche Behandlung verhindert. Sehe ich vollkommen ein. Jedoch ist nicht jede Droge dazu da, die Gefühle und Erinnerungen zuzudecken. Gras zum Beispiel oder Halluzinagene (LSD, Meskalin, Psilozibin) verstärken die Gefühle die man hat, rufen längst vergessene Erinnerungen wieder wach und lassen Sachen nach außen durchbrechen, wo man erstmal paar Wochen braucht, um das ganze zu verarbeiten. LSD war früher ein Medikament namens «Delysid» und wurde erfolgreich in der Psychotherapie eingesetzt. Die Forschungsergebnisse von damals sagen alle das gleiche aus, nämlich: «Delysid» verkürzt eindeutig die Dauer der Therapie. Nur weil LSD verboten wurde, war eine weitergehende Forschung nicht mehr möglich, und «Delysid» wurde aus der Psychotherapie verbannt. Viele Psychologen/Psychiater/Psychotherapeuten haben schon längst ihre eigene Studienzeit vergessen, und was sie da Drogentechnisch so alles getrieben haben. Viele Psychologen/Psychiater/Psychotherapeuten kennen sich überhaupt nicht mit Drogen aus, was aber eine wichtige Vorraussetzung ist, um den Menschen helfen zu können. Die Leute, die vollkommen in die Psycho-Szene abgesunken sind und sich ganz einer lebenslangen Therapie verschrieben haben, etwa die Opfer in der TWG Hamburger Straße, hassen alle sämtlichen Drogen, auch Alkohol und Zigaretten. Komischerweise keinen Kaffee und Tee, was genau so ne Droge ist. Die einzigen Drogen, die sie akzeptieren und regelmäßig konsumieren, sind Psychopharmaka. (Ich habe nicht vor, eine lebenslange Therapie zu machen, ich will eines Tages ohne die Psychologen/Psychiater/Psychotherapeuten leben.) Deshalb gilt die Goldene Regel: Wenn du von Psychologen/Psychiater/Psychotherapeuten irgendeine Hilfe willst, dann stelle deinen Drogenkonsum ein, also am Besten auch keine Zigaretten und Bier. Lege am Besten einen Schwur ab, dass du nie wieder in deinem Leben irgendwelche Drogen anfassen wirst, mindestens jedoch für die Dauer der Behandlung. Wenn du damit ein Problem hast, dann vergiss die Psychologen/Psychiater/Psychotherapeuten und schau zu, wie du selber klar kommst.

Als ich am nächsten Morgen zum Wohnungsamt ging, wollte ich eigentlich wieder nach Berlin abhauen. Leute fragen mich: Warum wolltest du, kranker durchgeknallter Spinner, schon wieder dorthin? Die Gründe waren eigentlich immer noch die Selben wie damals im Sommer, als die Welt noch in Ordnung war. 1) Berlin übte immer noch eine wahnsinnige Faszination auf mich aus. Seit dem Zeitpunkt, als du, ich und mein nicht minder verrückter Vater damals 1993 dort waren, war diese Faszination da. Die Stadt tauchte in den letzten Monaten wiederholt in meinen Träumen auf, und es waren sehr schöne Träume. 2) War ich auf der Suche nach der Strasse, nach der Härte, nach dem rauen Leben. München war mir zu verweichlicht, zu normal, zu schicki-micki. In NEO steht: «Wer nach Berlin geht, ist auf der Suche. Im besten Fall nach Spaß und Unterhaltung. Im schlimmsten Fall nach sich selber.» Andererseits hat sich im November rausgestellt, dass ich selber nicht hart genug für die Strasse bin. Nur das verweichlichte, sichere München hat mich am Leben gehalten, in Berlin wäre ich wahrscheinlich schon längst draufgegangen. Andererseits dachte ich: Es war ein dummer Start, vielleicht klappt es ja dieses mal. Dein ganzes Zeug steht (theoretisch) noch dort, du brauchst nichts anderes zu machen als deine 2 Türkentaschen zu packen und zum Bahnhof zu gehen. Ich habe das letzte halbe Jahr in München nur meine Zeit abgehockt und versucht, irgendwie zu überleben. Das hätte ich in der Zwischenzeit auch in Berlin tun können. 3) Wollte ich unbedingt zu den ganzen abgestürzten, kaputten Leuten, die in Berlin nur so rumschwirren. Nur bei diesen Leuten fühlte (und fühle) ich mich wohl, nur diese Leute verstehen mich. Die «normalen» Leute verstehen mich nicht, sie finden mich komisch, haben Angst vor mir und wollen von mir nichts wissen. Ich ecke bei diesen Leuten ständig irgendwo an, nach wie vor. In Berlin waren verdammt viele Gleichgesinnte, in München verdammt viele Normalos, Bonzen, BWLer, verwöhnte Mami-Bubis, Schicki-Mickis und solche die es gerne wären, Mode-Schwuchteln, solariumgebrannte Münchner Schönlinge (und solche die es gerne wären), und lauter Leute die sich einbilden was Besseres zu sein. In Berlin gibt es diese Leute auch, aber eigentlich nur in Mitte und paar anderen Bezirken. München ist überfüllt mit diesen Leuten, und Schwabing ist zu 100% mit diesen Leuten belegt - ein ekelhaftes Viertel, kaum zu glauben dass vor rund 100 Jahren ein Thomas Mann, der dort gewohnt hat, es noch als «Wahnsinnshofen» bezeichnet hat. Dort sollen Leute mit Gummireifen auf dem Kopf + 5 Kerzen drauf rumgerannt sein, ein Künstler, Lebenskünstler, Revoluzzer (W. I. Lenin, Kaiserstraße) und Alternativ-Viertel. München hat im Laufe der Zeit eine Entwicklung vollzogen, die Berlin jetzt vor sich hat - die totale SNOBalisierung. Alles wird gründlichst generalüberholt und luxussaniert, die Künstler und Lebenskünstler werden (z.B. durch unbezahlbare Mieten) vertrieben, stattdessen zieht ein anderes Publikum ein - die SNOBs, langweilige, arrogante Normalos mit viel Geld. Wie hat der Münchner Oberbürgermeister C. Ude (SPD), der in Schwabing aufgewachsen ist, sich mal in der «tz» geäußert: «Die reichen und schicken Leute haben aus Schwabing genau den Grund vertrieben, weswegen sie einst nach Schwabing gekommen sind: die Künstler». Wie die Parasiten. In Berlin-Friedrichshain (das dortige Schwabing-Von-Damals) hat sich das Publikum innerhalb von 2 Jahren gründlich geändert. Es ist nicht mehr so wie früher. Schon haben sich die Mietpreise fast verdoppelt, schon heißt es in der Zeitungsanzeige: «Schöne Wohnung im 'Szenen-Viertel Friedrichshain' zu vermieten.» Der alte, idyllische S-Bahnhof «Ostkreuz» wird jetzt demnächst auch abgerissen und durch irgendeinen Protzbau ersetzt. Aber bis es in Berlin auch so weit sein würde, hätte ich ja noch ein paar Jährchen Zeit. Berlin ist viel zu groß, um die SNOBalisierung so schnell durchzuziehen. Und auch wenn die Berliner sagen: «Berlin ist nicht mehr das, was es einmal war» - es ist immer noch was anderes wie München. 4) Früher war es London, heute ist es Berlin: die Musik-Metropole Europas. Dort hört man keinen Kommerz-Scheissdreck, und wenn, dann nur auf BWL-Partys. Dort gibt es eine Menge Untergrund-Bands, eine Menge Läden die Untergrund-Musik spielen und natürlich Radio Fritz, Berlins Untergrund-Sender. In München musst du sehr lange suchen, um mal was zu finden wo keine Kommerz-Scheisse läuft. Die Leute kennen nix anderes und wollen auch nix anderes. Die wollen Radio Gong (Hit-Only-Music), alles andere finden sie krank. Und wenn das kranke Zeug plötzlich auf Radio Gong laufen würde, dann würden die Leute halt das anhören und alles andere krank finden. 5) Für einen wie mich, der Moskau immer noch im Blut hat, ist München einfach nicht großstädtisch genug. Ich kenne München so auswendig wie meine Hosentasche, nichts reizte mich mehr. Berlin ist groß genug und fast unbekannt und reizte mich wahnsinnig. 6) In Berlin herrscht fast völlige Freiheit. Die Bullen müssen sich um andere Sachen kümmern als irgendwelche Kleinkiffer zu durchsuchen. In München haben die Bullen absolut nichts zu tun. Die Berliner Luft riecht nach Freiheit, Energie und Aufregung. Die Münchner Luft riecht nach Stillstand, Langeweile und Zwängen. Die Berliner sind nicht so auf Sauberkeit, Sicherheit und Ordnung bedacht wie die Münchner. Das beste Beispiel ist die Berliner S-Bahn. Sie hat das gleiche Stromabnahme-System wie eine U-Bahn - statt einer Oberleitung eine graue Schiene neben dem Gleis, die 500 Volt führt. Ein unglücklicher Tritt, und du wirst bei lebendigen Leib geröstet. Die S-Bahn fährt raus aufs Land, das Bahngelände ist nicht umzäunt und wird nicht bewacht. So was würde man in München niemals zulassen. In Berlin heißt es: Jeder Mensch ist für seine eigene Sicherheit selber verantwortlich. Die Berliner sagen: «Wenn du hier leben willst, dann musst du gut auf dich aufpassen können. Wenn du das nicht kannst, dann lebst du hier nicht lange.» 7) Obwohl oder gerade weil Berlin so abgestürzt und ärmlich ist, geht es dort wesentlich sozialer und toleranter zu. Es wird dich dort keiner in der U-Bahn schief anschauen, wenn du als junger Mensch nicht modebewusst angezogen bist, mit Aldi-Klamotten, abgetragenen Schuhen oder durchlöcherten Pullis rumläufst. Das ist in München nicht drinn. Schlimmer als auf jedem Bauerndorf. Du kannst in Berlin jeden oder fast jeden anquatschen und wirst auch ständig vor anderen Leuten angequatscht. Dementsprechend leicht lernst du auch Leute kennen. Echte Freunde findest du dort sicherlich genau so schwer. Aber du bekommst wenigstens die Chance welche zu finden, ganz im Gegenteil zu München. Ich glaube, nein ich bin überzeugt, ich könnte hier noch so «normal» sein, noch so gut angezogen und noch so sehr nach Geld stinken - ich würde genau so schwer Leute kennen lernen wie auch sonst. Andererseits hatte ich gerade in meinem schlechten Zustand kein Bock auf irgendwelche Leute. Andererseits dachte ich: der Zustand wird (hoffentlich) nicht dein ganzes Leben anhalten, irgendwann bist du gesund und willst Leute. Und was ist dann? Wieder in München dauernd auf die Fresse fliegen? Ich war jedenfalls die ganze Zeit hin- und hergerissen. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Ich hatte es in letzter Zeit sowieso schwer, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Also dachte ich: legst du dein Schicksaal in Gottes Hand, oder besser gesagt, in die Hand des Wohnungsamtes. Bekommst du wieder den Platz in Neuperlach, bleibst du hier. Bekommst du den Platz nicht - ab zum Bahnhof. Eins war jedenfalls klar: sobald du dich in Berlin anmeldest, ist es mit dem Münchner Wohnungsamt vorbei. (Man muß mindestens 6 Monate lang in München gemeldet sein, damit sie überhaupt irgendwas für dich tun können. Mit dieser Regelung versuchen sie die ganzen fremden Penner von der Stadt fernzuhalten. München hat genug eigene.)

Und ich bekam den Platz wieder. Es war ein sonniger Frühlings-Nachmittag, ich saß mit meinen Türkentaschen im Bus am Neuperlach-Zentrum, sah auf einen 18stöckigen Wohnblock und dachte mir wie einfach es doch wäre, sein Leid ein für alle Mal zu beenden. Es war wirklich schrecklich. Plötzlich bekam ich Tränen. Du lebst doch! Du bist hier, du hast den Platz bekommen, du hast was zu fressen, einbisschen Taschengeld, was willst du noch? DU LEBST!

Im Container bin ich ziemlich tief abgesunken. Hoffnungen auf irgendwelche Besserungen hatte ich keine. Ok, ich fand einen Therapieplatz bei einem Nicht-DAP-Therapeuten, und der fand mich nicht unmotiviert und hatte keine «Gegenübertragungen» auf mich. Aber das war's auch schon. Antidepressiva halfen nicht, ich setzte sie wieder ab. Gras konnte ich nicht mehr rauchen. Gras reißt die Wunden auf, ich fühlte mich jedes Mal 10x dreckiger als nüchtern. Ich begann exzessiv zu saufen, Benzodiazepine zu fressen und kam das erste Mal mit Opiaten in Berührung. Das war das Betäubungsmittel Valoron N. Mann, was für ein wahnsinniges Gefühl! Alle meine Sorgen, Ängste, Depressionen und Selbstmordgedanken waren wie ausradiert, ich fühlte mich nach langer langer Zeit wieder glücklich und konnte wieder mit allen möglichen Leuten quatschen, was ich vorher nicht (mehr) konnte.

Und dann kam der Hammer: mein Makler rief mich an und fragte, ob ich noch ne Wohnung bräuchte. Es wäre gerade wieder eine frei geworden. In meinem alten Haus, neben der scheiss Kirche, von wo aus ich Richtung Berlin gestartet bin. Wenn das kein Zeichen Gottes ist! Das Wohnungsamt in der Franziskaner Straße, wo auch das Sozialamt (ARGE für Beschäftigung GmbH) untergebracht ist, arbeitet viel viel schneller als in Milbertshofen. (Die verschollenen Unterlagen in Milbertshofen sind verschollen geblieben.) Binnen 1 Woche hatte ich den berühmten und heißbegehrten «K&P-Schein», also die Zusage für Kaution, Maklerprovision und Miete. Dazu Heizkosten und Einrichtungsgeld. Der Hammer! Das ist Deutschland! Für so einen Staat lohnt es sich zu arbeiten und die Hälfte von seinem Geld abzugeben. Die Sachbearbeiterin in der ARGE für Beschäftigung GmbH erklärte mir, es sei für die Stadt München wesentlich billiger die Leute in einer Wohnung unterzubringen, als in einem Container. Ein Container muss extra aufgezogen werden, du brauchst dort Personal, Wachdienst, Hausmeister, Sozialarbeiter, evtl. noch Putzleute. Ich verabschiedete mich sehr lange von den Container-Leuten, packte die Matratze und schleppte sie mit der U-Bahn in meine neue Wohnung. Die wird sowieso weggeschmissen, und ich hatte keine Matratze. Am U-Bahnhof «Neuperlach-Zentrum» wollten zwei kleine Mädchen die Matratze haben, wozu auch immer. Im Zug quatschte ich mit einem Typen über die Essensausgabestellen in München. Meine beiden Türkentaschen holte ich anschließend. Davon gibt es noch ein Video, der Flo hat gedreht.

Da wohnte ich also wieder in meinem alten Viertel, in Untergiesing, welches ich seit einem halben Jahr nicht mehr betreten hatte, um keine zusätzliche Trauer auszulösen. Es war immer noch alles beim Alten: Die türkische Kassiererin im Tengelmann, die Oma vom 2. Stock, die nur rückwärts die Treppen steigen konnte, und natürlich die scheiss Kirche gegenüber. Irgendwann sprenge ich sie. Früher, als es Mittag geläutet hat und die ganzen Omas und Opas aus der Kirche rausgeströmt sind, habe ich das Fenster aufgerissen und muslimischen Moschee-Singsang runtergebrüllt. Die Omas und Opas schauten immer ängstlich hoch, in Erwartung einen Terroristen mit Stirnband und schwarzen langen Bart zu sehen. Und einmal ist da einer (oder eine) mit nem Auto die Treppen hochgefahren und musste mit nem Abschleppwagen und nem kleinen Kran wieder runtergezogen werden (das Foto habe ich noch, allerdings waren da leider schon die Scheinwerfer aus, sonst wäre das Foto echt genial gewesen). Hier in Untergiesing sind noch deutliche Anzeichen vorhanden, dass Giesing früher mal ein berüchtigtes Arbeiterviertel war. Die Hausfassaden sind sehr einfach, Arbeiter-Style, es gibt immer noch die Alkoholiker-Stüberl in der Pilgersheimer Straße, und die (älteren) Leute sind im großen und ganzen recht herzlich - echte Münchner Giesinger Originale halt. Selbstverständlich haben die SNOBs, BWLer und Schicki-Mickis (und solche, die es gerne wären) es geschafft, sich auch hier einzunisten und das Viertel mit einem unangenehmen Flair zu versauen. Hier ist halt U-Bahn, die Isar ist 400 Meter entfernt, dort kann man sich Sonnen, Sport machen, Radfahren und Joggen und sich dabei an Endorphinen, also an körpereigenen Opiaten berauschen - genau das Richtige für SNOBs (und den Rest). Diese scheiss Parasiten sind aus dem täglichen Leben nicht wegzudenken, man muss sich damit abfinden, wenn man in München wohnt.

Die U-Bahnlinie 1, an der meine Station liegt und die einen Teil von Giesing unterquert und in Harlaching endet, ist auch von den Leuten her anders wie die Linie 2. Die Linie 2, welche Hasenbergl, Milbertshofen, Giesing, Rammersdorf verbindet und Umsteigemöglichkeit nach Neuperlach bietet, ist die Münchner «Ghetto-Linie». Dort sitzen eine Menge Ausländer, «Gangstas», «Assoziale», Alkis und Drogenleichen. In dieser Linie hatte ich schon paar pikante Erlebnisse. Die Linie 1 hingegen ist viel braver, viel normaler, viel SNOBiger. Die meisten würden sagen - angenehmer. Ich weiß nicht, was ich im Moment sagen soll...

Das war's also (vorerstmal) mit Berlin - ich konnte (und kann) mich immer noch nicht damit abfinden, die Wohnung blieb lange Zeit nicht eingerichtet, die Türkentaschen blieben eingepackt. Aber so war es halt. Noch einen Wohnungsverlust würde ich in der nächsten Zeit nicht mehr verkraften. Ich musste mich damit abfinden. Ich wurde zum Alkoholiker, saufte jeden Tag Billig-Fusel vom Aldi für 1,90. Die leere Wohnung war bald vollgestellt mit leeren Flaschen. In der TWG Hamburger Straße hab ich mit dem Scheiß angefangen, zusammen mit einer anderen sind wir dauernd besoffen in die Sitzungen eingelaufen, wohl um «die Wut» besser zu äußern und besser zu ertragen...

Jörg rief an und sagte, dass er meine Sachen gerettet hat. Ich war (und bin) ihm ewig dankbar dafür, denn wir haben uns eigentlich damals bis aufs Blut zerstritten. Dass er dennoch so einen freundschaftlichen Dienst erweist, fand (und finde) ich echt cool. Jörg war ein relativ guter Freund von mir, kam aus Dresden, hat in München seine Lehre durchgezogen und ist dann nach Berlin abgehauen. In Berlin hat er dann nach und nach alle Zügel losgelassen, alle Grenzen überschritten und ist zum Teil richtig unausstehlich geworden. Er hat viele Leute dort bis auf's übelste genervt, und die Leute haben gesagt dass Berlin ihm nicht gut tut. Das er dort noch nicht auf die Fresse bekommen hat war ein Wunder. Beinah hat er auf die Fresse bekommen, schon mehrmals, aber eben immer nur beinah. Einmal wurde er auf dem Weg nach Hause von 2 Leuten ausgenommen - so naiv und blauäugig wie der war (er kam aus nem behüteten Elternhaus und kannte das raue Leben und seine Gefahren noch nicht so recht) quatschte er die Beiden an (wie er jeden anquatschte). Am Schluss nahmen die Beiden sein Handy, seinen Geldbeutel, sein Fahrrad und seine Jacke. Und einmal hat er ein 5jähriges Kind angefahren, weil er immer nur besoffen und zugekifft mit dem Auto fuhr und dabei sich selber und der ganzen Welt beweisen musste, wie gut er Autofahren kann. Er hatte Glück das es Chinesen waren. Ausländer rufen (in der Regel) nicht gleich die Bullen. Wäre es ein deutsches Kind, dann... Ein Depp wie der war, fand ich es trotzdem cool mit meinem Zeug. Und seine kaputte Fick-Freundin (die hat er in München in ner TWG kennen gelernt) hat sich bereit erklärt, den Chauffeur zu machen. Ich fuhr also mit ner Mitfahrgelegenheit nach Berlin, versöhnte mich halbwegs mit dem Jörg, fuhr mit seiner Freundin nach Kreuzberg und lieh einen Kleinbus aus - Fa. Robben&Wentjes, gibt's nur in Berlin, absolut Unschlagbarer Preis, so wat findest du in München nicht. Wir kamen in München an, Zwergarl stand schon vor der Haustüre und half beim Hochtragen. Zur Belohnung spendierte ich denen ein Essen und Bier. Jörg und Zwergarl gingen in die Pilgersheimer Straße in ein Alkoholiker-Stüberl und kamen völlig besoffen an, besonders natürlich der Jörg. Er erzählte mir stolz wie er in dem Alkoholiker-Stüberl beinah auf die Fresse bekommen hat, schon wieder nur beinah. Dann fing er an mich zu provozieren. Den ganzen Weg hat er schon provoziert. Ich bin ausgeflippt und schlug ihm die Fresse ein, nicht beinah, sondern diesmal wirklich. Nein, ich hab ihn nicht ins Gesicht geschlagen, ich packte ihn an den Haaren und schubste ihn auf den Boden. Er krümmte sich zusammen wie ein kleines Mädchen. Ich wollte ihm noch mehr antun, aber Zwergarl und seine Freundin gingen dazwischen. Es wurde furchtbar rumgebrüllt, um im Treppenhaus standen bereits die ersten neugierigen Nachbarn. Seine Freundin hat aus Angst in die Hosen gepisst, die ganze Wohnung hat gestunken. Tja. Seitdem haben wir uns endgültig zerstritten, und auch seine gestörte Fick-Freundin findet mich krank, obwohl sie selber nicht besser dran ist als ich.

Den ganzen Sommer über habe ich versucht, mich mit München zu versöhnen und eventuell meine Theorien zu widerlegen. Ich bin kläglich gescheitert. Ok, ich hab Sachen gezeigt bekommen, wo ich nicht mal ansatzweise dachte dass es sie in München gibt. Es gibt hier schon coole Leute, du kannst hier schon Lücken finden und auf deine Kosten kommen, aber eben nur sehr begrenzt. Ich fuhr mit ner Mitfahrgelegenheit wieder nach Berlin. An dem berühmt-berüchtigten Bahnhof Zoo, wo einst Christiane F. ihr Geld mit Anschaffen verdiente, gibt es schon lange kein H mehr. Dafür gibt es dort Codein-Methadon-Saft, was eigentlich noch viel besser ist. Das Zeug wird direkt neben dem Aufgang zur S-Bahn verkauft, vor laufenden Kameras und vorbeieilenden Eltern mit kleinen Kindern. Die Bullen machen quasi zur Show täglich ihre Großrazzia, aber sie schaffen es einfach nicht, die Saft-Leute vom Bahnhof Zoo zu vertreiben, und das ist auch jedem glasklar das sie es niemals schaffen werden. Wie sollen sie es auch schaffen. Wir sind nicht in München. Früher, vor 5-6 Jahren, gab's noch in München am U-Bahnhof «Giselastraße» eine Saft-Szene. Aber die hat sich mittlerweile in Luft aufgelöst. Weg. Aus. Schluss. Vorbei. Die Bullen haben hervorragende Arbeit geleistet. Ob sie es auch in Berlin schaffen würden? Als das Zeug nach 2 Stunden langsam zu wirken begann, kam ich auf die Idee mich mit dem Jörg wieder zu versöhnen. Keine Chance. Irgendwie schade. Und irgendwie auch Ok so. Ich besuchte die WG, wo ich einst im November mit meinem ganzen Zeug und Weinkrämpfen ankam. Irgendwann hockte ich in Ostberlin in der Nähe von Ostkreuz am Bordstein und versuchte ne SMS zu tippen. Es hat wohl 2 Stunden gedauert. Ich bin plötzlich erschrocken, als jemand meine Schulter berührte und «Alles Ok mit dir?» fragte. Ich muß wohl eingenickt sein, wie eine vollfertige H-Leiche. Es muß es krasser Anblick gewesen sein. Noch paar Mal nickte ich ein. Ein furchtbares Zeug. Hat mich gut über das Freak-Party-Wochenende durchgebracht. Am Sonntag im ICE schwächte die Wirkung allmählich ab.

Paar Wochen später fuhr ich mit ner Mitfahrgelegenheit nach Wien zu meinen Spezis (die machen auch Hip-Hop). Am Naschmarkt bin ich aus dem Auto rausgesprungen und holte meine Aldi-Weinflasche raus. Ein ausländischer Verkäufer sagte mir: «Geh, wie kannst du nur Wein saufen bei der Hitze?» Ich hockte mich in ein Cafe und bestellte Gulaschsuppe und Bier. Eine Menge Drogenleichen liefen am Naschmarkt herum. Am Nachbarcafe standen zwei Alkis, einer sah aus wie der «Wickerl» von «Hundstage» (Reg. Ulrich Seidl, Wien, 2001). Ich ging zu denen hin und fragte, was die ganzen fertigen Typen hier wollen. - «Die wollen die Tabletten haben, die man normalerweise viertelt. Du bist nicht aus Wien, oder? Wo kommst du her?» Na ja, aus München komme ich her... Der «Wickerl» sagte: «Mei, vor 100 Jahren war München genau so ein scheiss Bauerndorf mit 600000 Einwohnern wie Graz. Aber dann ist Berlin an die Russen gefallen, und München wurde zu einer neuen Hauptstadt aufgebaut. Und die ganzen Firmen wie Siemens sind nach München umgezogen, um sich in der Nähe von den Amis rumzutreiben.» Ich hatte (und habe) große Schwierigkeiten, den Wiener Dialekt zu verstehen, obwohl es mit dem Bayerischen sehr verwandt ist. Aber auch Bayerisch verstehe ich nicht so richtig. In München reden alle Hochdeutsch und vereinzelt Münchnerisch, aber wenn ich auf's Land rausfahre wo richtiges Hardcore-Bairisch gesprochen wird, dann check ich fast nix mehr.

Paar tage später lief ich im am Karlsplatz im Untergeschoss. Der ganze Ort war überlaufen mit Drogenopfern, so an die 100 Leute, und sie schauten wirklich fertig aus. Zwei Jugendliche gingen vorbei und flüsterten «Gras?». Ich sagte, dass ich mehr auf H scharf bin. - «Dann musst du mal zu denen dort drüben hingehen.» Ich fand einen total kaputten Typen und laberte ihn auf H an. H habe er nicht, dafür Morphium-Tabletten. Eine andere Kundin kam dazu. Der Typ steckte die Kohlen ein und ging das Zeug besorgen. Ich fragte die Kundin, warum es in Wien kein H gibt. - «Weil in Österreich das Zeug so scheisse ist, dass es dich überhaupt nicht turnt.» Sie sagte dass sie früher mal eine überzeugte Marxistin war und ihre Meinung jetzt geändert habe. Wien langweilt sie total, sie würde lieber in Berlin wohnen. Berlin sei ihre Traum-Stadt, soviel Musik, soviel Kultur...

Der Morphium-Typ kam zurück. Er bediente die Kundin und wollte mir grade das Zeug in die Hand drücken, da ging plötzlich eine Seitentür auf und 5 Bullen rannten auf uns zu. Weglaufen war sinnlos. «Mitkommen!» Wir wurden in einen Raum reingeführt, wo an die 20 Video-Monitore nebeneinander positioniert waren. (Klar hab ich schon vorher die ganzen Videokameras gesehen, aber da die ganzen Fertigen sich davon nicht beeindrucken ließen, hab ich mir dabei nix gedacht.) Ich konnte mir bisher nie richtig vorstellen, wie man im Wiener Dialekt rumbrüllen kann. Nun hab ich es erfahren. Hört sich echt fies an. Hauptsächlich brüllten die Bullen den Morphium-Typen an, weil er eine dicke Akte hatte und nicht das erste Mal hier aufgegriffen wurde. Ich musste mich in einem Nebenraum ausziehen und die Arschbacken spreizen, genau so wie in München - die Bullen-Programme sind wohl überall die selben. Währenddessen wurde der Morphium-Typ wieder entlassen. Selbstverständlich nahm der Hurensohn meine ganze Kohle mit. Ein Bulle verlangte meinen Reisepass. «Was machen Sie hier am Karlsplatz, am Wien's Drogenumschlagplatz Nummer eins?» - «Na ja, nix besonderes. Mir geht's psychisch nicht so besonders, da wollte ich mir paar Benzodiazepine besorgen...» Der Bulle sagte dass er diesmal keine Anzeige machen wird, dass ich mich sofort von hier schleichen soll und nie wieder herkommen. «Drogen in Wien kaufen können Sie vergessen!»

Statt mich sofort von hier zu schleichen begann ich damit, den ganzen Karlsplatz nach dem Morphium-Typen abzusuchen, um mir meine Kohle wieder zurückzuholen. Nach 10 Minuten gab ich die Suche auf. Eine riesige Enttäuschung. Am nächsten Tag, kurz vor der Abreise nach München, entdeckte ich am Westbahnhof einen Künstler-Aktivisten, der die Betonsäulen mit Klebeband beklebt hatte. An den Bändern hingen Zettel mit irgendwelchen Gedichten. Ich redete mit ihm. Der Typ erzählte mir, dass die Wiener Stadtverwaltung ihm schon 2500 Anzeigen aufgebrummt hatte, und jedes Mal wurden die Anzeigen vor Gericht fallen gelassen. Trotzdem geben die in der Stadtverwaltung nicht auf. Er war mit seinen Klebeband-Gedichten schon in Berlin, Hamburg und München, und überall hatte er damit keine Probleme. In Berlin am Kurfürstendamm fing ein Jugendlicher an, seine Gedichte mit nem Klappmesser aufzuschneiden. In München in der Fußgängerzone erkundigten sich die Bullen freundlich, ob man die Klebebänder wieder wegkriegt und begannen neugierig die Gedichte zu lesen. Nur in Wien hatte die Verwaltung für seine Gedichte nichts übrig. Ich lobte den enttäuschten Künstler für die Stadt Wien, wo es noch eine richtige Künstler-Szene gibt. Ich erzählte ihm, dass ich neulich über irgend einer Gasse über 20 Wäscheleinen mit etwa 200 weißen Unterhosen gesehen habe. In München gab's auch mal ne richtige Künstlerszene, doch die wurde im Lauf der Zeit vertrieben.

Überhaupt haben Wien und München gewisse Ähnlichkeiten, was die Schönheit, die Sauberkeit, den Flair und das wundervolle Leitungswasser betrifft. Doch in Vergleich zu München hat man in Wien das Gefühl, in einer Großstadt zu sein. Die Leute sind auch offener und kommunikativer. Arrogante Arschlöcher gibt es hier natürlich auch, und zwar ne ganze Menge. Ob ich hier leben könnte? Das alles ging mir durch den Kopf, als ich im Zug Richtung München hockte.

In München war ich natürlich auch nicht untätig und tippte fleißig Bewerbungen für alle möglichen Jobs. So an die 20-30. Irgendwann fand ich einen Job bei einem kleinen «Familien»-Betrieb in Ismaning. Kaum bist du 5 KM von München entfern, hört auch schon die Zivilisation auf und beginnt Bayern. Echt unglaublich. Der Job hieß «Service-Techniker für den Innen- und Außendienst». Ich hatte mich um riesige Plotter zu kümmern, die Plakate vom PC aus drucken können (also ohne Druckmaschinen und dem ganzen Zeug). Ich begann Ende Juli. Das war ein furchtbarer Verein. Wir, die 3 neuen Techniker, hatten einen eigenen Raum, wo die ganze Zeit eine Computer-Anlage rauschte und die Drucker vom Büro standen. Jede Minute ging die Tür auf und die Büro-Pussys holten ihre Aufträge uns dem Drucker. Dabei warfen sie misstrauische und böse Blicke zu uns rüber. Wir sind in ihre «Familie» eingedrungen, haben ihre kleine Welt aufgemischt, und sie wollten uns nicht haben. Es war ein Psychoterror. Wir wollten die ganze Zeit den Job hinschmeißen, alle drei. Die Büro-Pussys haben uns gehasst und über uns gelästert, und wir über sie. Doch wir waren die Neuen und mussten uns an die «Familie» anpassen. Der Chef hat mir gesagt, er will hier ein funktionierendes Team, eine «Familie» zusammenschweißen. Er hat es nicht geschafft, und wird es auch niemals schaffen. Alle arbeiteten mindestens 2 unbezahlte Überstunden täglich und verdächtigten sich gegenseitig, nicht genügend Einsatz für die Firma zu bringen. Es war ein richtiger Job für Workaholics, für Leute, die in ihrem Leben nichts anderes haben. Aber davor hat mich der Chef beim Bewerbungsgespräch gewarnt, wenn ich ehrlich bin. Ich wusste von Anfang an, dass es nix wird. Ich machte es nur wegen dem Aufenthalt.

Ich fuhr wieder nach Wien. Als ich abends an der Meidlinger Hauptstraße aus der U-Bahn stieg, fragte mich ein H-Typ nach einer Kippe. Er erzählte mir dass er ne Connection für guten Stoff hatte und mir weiterhelfen könnte. Dazu müsste ich am nächsten Morgen in die U-Bahnstation «Spittelstraße» kommen. Den Termin habe ich leider verpennt. Abends stand ich vor dem U-Bahnhof «Gumpendorfer Straße», wo auch schon einige andere H-Leichen warteten. Ich wartete ziemlich lange und wollte schon das Handtuch werfen, da kam plötzlich ein kaputter Typ aus dem U-Bahnhof raus, ging an mir vorbei und fragte leise «Weiß? Braun? Weiß? Braun?» Ich sagte «Braun!» Wir gingen in den U-Bahnhof. Von den H-Leichen gesellte sich keiner dazu, und das wurde mir höchst suspekt. Trotzdem war ich voller Freude, als ich mit der Plombe in der Hand die Gumpendorfer Straße entlangging, um eine passende Gaststätte mit ner passenden Toilette zu finden. Ich fand eine, doch die Besitzerin stand vor der Toilette und wollte mich nicht durchlassen. Anscheinend waren schon ne Menge Leute vor mir da, und die Besitzer haben gespannt was da los ist. Ich ging zum Westbahnhof in den McDonalds und machte in der Toilette die Plombe auf. Das Zeug war das schlechteste, was ich jemals im Leben hatte. Nach paar Stunden war die Plombe leer. Gegen Mitternacht waren wir auf irgendeiner Hinterhof-HipHop-Party. Ich erinnere mich an nichts mehr und weiß nur, dass ich irgendwann wieder beim Kumpel zu Hause aufgewacht bin. Er erzählte dass sie mich dort schlafend aufgefunden und nach Hause transportiert haben. Anscheinend war in der Plombe statt H irgend ein anderer Scheissdreck drinnen. Aber das schlimmste war - während ich im Hinterhof fertig gemgeflackt bin, legte im Wiener Flex DJ Jeff Mills auf. Was soll's, ich wäre eh nicht für so was fähig.

Im September fuhren wir zu Dritt nach Berlin - ich, Zwergarl und Flo. Wer pennten in einer billigen Pension in Friedrichshain, der Chef war ein ständig besoffener Kiwi, d.h. ein Neuseeländer. Der Flo warf sich mit Benzos voll und pennte ein, ich und Zwergarl gingen durch das Ost-Berliner Nachtleben. Ich war auf Benzos und Alkohol, auf was der Zwergarl war - keine Ahnung. Wird verweilten auf einer Hinterhof-Freak-Party, wo man durch eine Tür durch, dann über einen Berg Ziegelsteine rüberklettern und durch ein Loch in der Wand hindurch muss. Dann gingen wir in ein besetztes Haus rein, die Haustür stand sperrenweit offen. Im 2. Stock war eine Wohnungstür halboffen und Lärm drang raus. Wir gingen einfach rein und fanden in der Küche einige Leute vor. «Ist das hier eine geschlossene Gesellschaft?», fragte ich. «Ja logisch! Aber du kannst dich ruhig dazusetzen! Hier hast du ein Bier! Wo kommst du her?» Im Wohnzimmer lief Indische Musik, die ganze Zeit gingen irgendwelche Punks und sonstige Freaks in die Wohnung ein und aus, wir wurden vollgelabert, voll integriert und voll akzeptiert. So ist es in Berlin eben. Am Schluss tauschte der Zwergarl mit irgendeinem Typen seine Klamotten. Der Typ muss sich wahnsinnig gefreut haben, denn Zwergarls Klamotten waren ziemlich teuer... Am nächsten Tag gingen wir zum Bahnhof Zoo, kauften uns Saft, und der Zwergarl ging los, um H aufzustellen. Am U-Bahnhof «Westhafen», wenn man aus dem Zug aussteigt, wird man sofort von 5-7 Arabern belagert, sobald man den Bahnsteig betreten hat. Die Araber machen sich gegenseitig die Preise kaputt, und das Zeug ist absolut scheisse. Das ist wohl deren Haupteinnahmequelle, und das Zeug wird kräftig aufgestreckt. Ich ging währenddessen mit dem Flo nach Neukölln und anschließend nach Marzahn. In der S-Bahn wurden wir beim Schwarzfahren gefickt. Die Kontrolettis waren scheiß-freundlich, wohl aus Angst. Der Flo hat seine Strafe bis heute nicht bezahlt und hat bisher auch nix von der BVG gehört. Der Abend und der folgende Tag wurden sehr exzessiv mit Drogen und Freak-Partys und vielen Freak-Leuten verbracht. Daran erinnere ich mich nur auszugsweise... Die ganze Nacht durch bis zum Morgengrauen mit meinen WG-Leuten und Zwergarl in einem Freak-Laden mit furchtbar lauter und aggressiver Rock-Musik... Mit Flo beim McDonalds, wo ein Typ ankam und gefragt hat, ob er was von dem Hamburger abbeißen darf... Irgendeine andere Freak-Party mit Feuer aus Ölfässern und Niggern mit Bongo-Trommeln... Ich muss mich völlig unkontrolliert und furchtbar aufgeführt haben... Irgendeine weitere Freak-Party am Bahngelände mit vollkommen abgestürzten Leuten... Wir fahren mit der Tram... Wir stürmen bei Kiwis's Pension ins Wohnzimmer, und ich schreie dass sich alle sofort verpissen sollen... Alle verpissen sich... Der Zwergarl entdeckt gutgekleidete Schicki-Mickis, denen man an der Nasenspitze erkennt dass sie aus München kommen... Wir sind bei denen im Zimmer, sie kommen tatsächlich aus München... Die Münchner erweisen sich als typisch-münchnerisch getarnte H-Leichen, die in Berlin 10 Gramm aufstellen wollten... Ich streite mich mal wieder mit dem Zwergarl im Zimmer bei den Münchnern... Ein echt leckeres und reichhaltiges Frühstücks-Büfett in Kiwi's Cafe, für 4 Euro (all you can eat)... Die Münchner verpissen sich zurück nach München, weil sie «Berlin angemadert» hat... Ich sitze mit einer Saft-Frau und einem abgestürzten Straßen-Junkie-Jungen mit ausgeschlagenen Zähnen in der U-Bahn Richtung Reinickendorf... Wir versuchen den Kiwi um die Miete zu bescheissen, und es klappt nicht... Ich liege in unserem Zimmer am Boden... Ich liege auf dem Bett, neben mit steht der Zwergarl und fragt: «Igor, was ist mit dir? Du atmest so komisch!» Dann ist alles dunkel... Angenehmes Gefühl... Stille...

Allmählich fängt es langsam an, etwas heller zu werden. In meinem Kopf ist ein furchtbares Rauschen, das Gehör ist zu 80% verschwunden. Es wird etwas heller... Um mich herum rennen irgendwelche Weißkittel. Wo bin ich? Was ist los mit mir? Plötzlich spüre ich einen Stoß und höre dumpf eine Stimme: «Hallo! Sie sind hier im Krankenhaus! In Berlin-Marzahn!» Es wird noch heller. Das Rauschen hört nicht auf. Das Gehör bleibt aus. Mein linker Fuß ist komplett taub. Ich erkenne langsam den Raum, die medizinischen Geräte rundherum. Ich hänge an irgendwelchen Schläuchen, ein Schlauch steckt in meiner Nase drinnen. Ich frage: «Welcher Tag ist heute?» - «Dienstag!» Das heißt, ich war über 24 Stunden ohnmächtig. Scheiße, ich muss ja heute arbeiten! Und wo ist Zwergarl? Wo ist Flo? Wie sind die beiden nach Hause gekommen? Und wo ist mein ganzes Zeug? Dann falle ich wieder in Ohnmacht...

Als ich wieder erwacht bin, ging es mir besser. Das Rauschen war immer noch da, das Gehör war immer noch weg, dafür spürte ich mein linkes Bein wieder. Kaum bin ich von den Toten wieder zurückgekehrt, ging's auch schon los mit dem üblichen Stress auf Erden. Zuerst kamen die Ärzte, drückten mit einen Plastikbehälter in die Hand und sagten: «Pullern!» Ich sagte dass ich nicht kann. «Dann müssen wir ihnen ein Katheter reinschieben. Sie müssen Pullern!» Da konnte ich plötzlich auch pullern. Dann kamen zwei Frauen von der Caritas und erkundigten sich, wie ich vorhabe nach Hause zu kommen. «Keine Ahnung», sagte ich. «Vielleicht über die Firma. Oder meine Bank gewährt mir einen kleinen Kredit.» Dann kam eine Neurologin, und ich musste ihr sagen wie viel Finger ich sehe. Ich sagte «einen», obwohl ich in Wirklichkeit den Finger doppelt sah. Dann kam ein Psychiater, fragte mich wie ich heiße, wann ich geboren wurde und welches Datum wir haben. (Den gleichen Ablauf, sagte mein Vater mal zu mir, hatten die sowjetischen Psychiater auch: wie du heißt, wann du geboren wurdest und welches Datum wir haben.) Dann quatschte der Psychiater einbisschen mit mir und diagnostizierte 5 Minuten später eine «Mittelgradige Depressive Episode». Als ich ihm erzählt habe dass ich bereits in Behandlung bin, ist er ganz schnell wieder abgezogen. Gott sei dank. Dann kamen die Schwestern, brachten mir Essen+Trinken und quatschten mit mir. Eine kam aus Russland. Wohnte in Marzahn. «Und, wie lebt es sich in Marzahn?» - «Gut lebt es sich. Man kann sich echt nicht beklagen. Mit den Nachbarn haben wir einen guten Kontakt, Arbeit haben wir auch, und sonst passt auch alles.«

Am nächsten Tag rollte eine Schwester mich mit dem Rollstuhl in die Kleiderkammer. Ich bekam notdürftig irgendein Zeug, was mir gerade so gepasst hat - ich selber hatte ja nichts mehr, nicht mal meine Unterhosen. Dann rollte ein dicker Mercedes mit nem Münchner Kennzeichen vor den Eingang. Der Chef hat über mein Unglück erfahren und veranlasste meine Rückreise. Echt große Sache. Zuerst ging's in die Filiale nach Dessau, 100 KM von Berlin entfernt. Die Kollegen machten sich über mein Aussehen und die Klamotten lustig. Am Abend ging's ab nach München. Gegen 22 Uhr stand ich am U-Bahnhof «Fröttmaning». In der Tasche war ein Bericht vom Krankenhaus. Darin stand, dass ich eigentlich schon tot war und quasi in letzter Minute noch ins Leben zurückgeholt werden konnte. Eine oder zwei Minuten später, und das wär's gewesen. Später beschuldige ich aus Spaß meine Freunde, weil «die Hurensöhne den Krankenwagen überhaupt geholt haben». Zwergarl erzählte mir wie der Notarzt kam, wie sie dann aus dem Zimmer rausgeschickt wurden, und dass plötzlich meine Schreie zu hören waren. Ich beschimpfte die Ärzte mit «Scheiss Hurensöhne» und «Dreckige Wichser» - quasi meine ersten Worte.

Ich war immer noch schwach auf den Beinen. Eine ganze Woche lang. Mein linker Fuß blieb taub. Ich habe mit dem Chef kein Wort über die Sache gesprochen, und der hat sich auch nicht dafür interessiert. Die Kollegen und die Büro-Pussys dachten, ich hab in Berlin auf die Fresse bekommen, und diese Version war ganz gut. Besser als «wegen Überdosis». Zwei Wochen später holte mich der Chef ins Büro, grinste mich an und sagte mir, dass er das Arbeitsverhältnis beenden möchte. Ich hätte ihm nichts über die Berlin-Geschichte erzählt, mich nichtmal für den Rücktransport bedankt, und er vermutet dass ich ein Drogenproblem habe. Ich hätte eine gute Arbeit abgeliefert, eine sehr gute sogar, er hielt mich für intelligent und sensibel, aber zu unmotiviert und zu desinteressiert. Eine Kündigung so kurz vor der Ausweißverlängerung, das wäre echt scheiße. Gerade so konnte ich ihn noch umstimmen. Seit dem Punkt arbeitete ich wie ein Wahnsinniger, machte 2 Überstunden täglich und heuchelte Interesse, wie meine Kollegen auch. Es ist echt scheiße, von seinem Arbeitgeber abhängig zu sein. Dieses Scheiss-Gefühl hatte ich 3 Jahre lang während meiner Lehrzeit.

Drei Wochen später hatten wir eine «Schulung» in Dessau. Am Freitagnachmittag, nach der «Schulung», machte ich mich auf Richtung Berlin, mal wieder. Abends stieg ich am Bahnhof Zoo aus dem Zug. Die Saft-Leute stehen abends nicht mehr dort. Ich fuhr mit der U-Bahn zum Westhafen. Ich konnte einfach nicht die Finger lassen, selbst nach dem das passiert ist. Am Bahnsteig wurde ich, wie üblich, von einem Araber belagert, und der drückte mir 5 Plomben auf. Fast hätte er mit 10 verkauft. Ich fuhr wieder zum Bahnhof Zoo, sperrte mich in eine Toilette ein und machte eine Plombe auf. Statt H war da irgendein weißes Zeug drinnen, ich schätze Milchpulver. Ich fuhr zurück zum Westhafen. Der vorige Typ war selbstverständlich nicht mehr da, dafür kam ein anderer an. Ich kaufte diesmal nur 1 Plombe. Diesmal war H drinnen, aber so aufgestreckt dass die Plombe am Abend weg war. Ich trieb mich den ganzen Abend in Friedrichshain rum. Ich versuchte ein Zimmer beim Kiwi zu bekommen. Der Kiwi, stockbesoffen wie immer, hat mich sofort erkannt und wollte mich nicht nehmen. Es waren lange Überredungskünste notwendig, und am Ende gab er mir doch ein Zimmer, unter der Vorraussetzung dass ich ein «good Boy» bleiben würde. Die Geschichte mit dem Vollsuff hat er mir nicht abgekauft, er kannte sich aus und schnupfte selber «gelegentlich» Kokain.

Am nächsten Tag standen die Saft-Leute wieder vollzählig am Bahnhof Zoo. Diesmal war ich mit dem Zeug vorsichtig. Abends ging ich mit meinen WG-Leuten auf irgendeine Privat-Party in Kreuzberg. Es war etwa drei Uhr nachts, als ich mit zwei anderen Leuten wieder zurück nach Friedrichshain ging. Unterwegs machte uns irgendein Türke blöd an. Einen von uns provozierte er unaufhörlich, klatschte ihn paar mal auf die Fresse, und schließlich kugelten sich die Beiden mitten auf der Fahrbahn der Skalitzer Straße. Der Kumpel hat es geschafft dem Türken paar Mal in die Fresse zu hauen und seine Brille zu zertrümmern, dafür haute der Türke dem Kumpel eine leere Bierflasche an den Schädel. Die Bierflasche ist an seinem Kopf zerbrochen, das Blut strömte auf die Fahrbahn. Die Autofahrer blieben stehen und hupten wie wild, weil sie am Weiterfahren gehindert wurden. Hoch über der Straße rollte mit lautem Krachen und Quitschen ein Zug der U-Bahnlinie 1 vorbei. Der andere Kumpel mischte sich ein und versuchte dem einen zu helfen. Ich packte den Türken am Bein und versuchte ihn wegzuzerren. Plötzlich kamen auf der anderen Straßenseite 5 andere Türken daher. Sie gingen auf uns zu. Ich dachte dass sie uns jetzt umbringen oder zumindest krankenhausreif schlagen werden. Ein zweites Mal in einem Berliner Krankenhaus, das würde mein Chef auf keinen Fall mehr mitmachen. Ich machte mir um meinen scheiss Job mehr Sorgen als um meinen Kumpel, der blutend auf der Straße lag. Statt dem Kumpel zu helfen rannte ich, gottverdammter Feigling, 50 Meter die Straße weiter und versuchte übers Handy die Bullen zu rufen. Es kam eine endlose Warteschleife. Plötzlich erblickte ich die Beiden. Der Verletzte humpelte und stützte sich am anderen ab. Seine Fresse und sein ganzer Kopf waren blutüberströmt, an einem Ohr war er vollkommen taub. Über der Straße quitschte wieder eine U-Bahn durch. Das Leben ging seinen gewohnten Lauf weiter. Wir lieferten den Verletzten zu Hause ab. Zur Glück haben sich die 5 anderen Türken rausgehalten. Am nächsten Tag war Bundestags-Wahl, und ich trieb mich vor dem Reichstagsgebäude herum. Die Polit-Diskussion wurde am Großbild-Fernseher übertragen, und ein Typ mit ner Drehorgel brüllte seinen Singsang: «Meine Stimme kriegt ihr nicht...» Ich rief bei dem Bruder von dem verletzten Kumpel an. Die beiden waren schon bei der Wahl, dem «Verletzten» geht es gut, er kann wieder auf beiden Ohren hören. «Du hättest die Bullen gar nicht zu rufen brauchen, die wären sowieso nicht gekommen.»

Die folgenden Wochen in München trieb ich mich ständig im Container herum. In Neuperlach gibt es eine unerschöpfliche Quelle für mittelmäßiges H, und ein Typ im Container hatte die Connection dazu. Ein anderer Typ hatte seinen Kleiderschrank voll mit Benzodiazepinen, mit denen er sich von früh bis spät zuschüttelte. Der Typ hatte seine Zeit bei der Fremdenlegion, war schon in Moskau und wollte unbedingt irgendeinen Kerl abstechen, der ihn mal betrogen hat. Ich war fast jedes Wochenende auf H. Ich schnupfte das Zeug nur, weil es dann länger dauert bis man körperlich drauf kommt. Unter der Woche schiebte ich ständig Abturns, die ersten Anzeichen einer körperlichen Abhängigkeit. Einerseits war mit das scheiss egal - ich war sowieso fertig und hatte nichts mehr zu verlieren. Andererseits hatte ich Angst davor, körperlich drauf zu kommen. Doch die Finger von dem Zeug konnte ich trotzdem nicht lassen - niemand kann das. Deshalb existiert auch die Allgemeingültige Goldene Junkie-Regel: «Einmal dabei - immer dabei». Ich kann jedem, der gerne weiterleben möchte, nur dringend empfehlen: Finger weg von dem Zeug.

Der Zwergarl entwickelte sich währenddessen zu einem vollblutigen Junkie. Er war schon mal (noch vor meiner Zeit) abhängig, hat es geschafft runterzukommen, und jetzt steckte er wieder voll drinnen. Der war fast täglich im Container. Zusammen mit anderen Container-Leichen setzte er sich einen Schuss, zunächst im Zimmer, später im Waschkeller. Ich werde die Szene niemals vergessen, wie der Zwergarl vor dem Container, mitten am zweispurigen Karl-Marx-Ring, sich einen Schuss mit einer Pferdespritze setzte. Von Woche zu Woche, von Tag zu Tag, wurde der Typ immer fertiger und fertiger. Ich konnte nichts dagegen tun. Der Zwergarl wollte immer den anderen Leuten helfen, aber wenn man ihm helfen wollte, dann redete man gegen eine Mauer. Und schließlich sagte er: «Igor, du kannst mir nicht sagen dass ich die Finger von dem Zeug lassen soll, und selber jede Woche in den Container rennen.»

Mein allerletzter Absturz erfolge ebenfalls im Container. Ich schüttete mich bis oben voll mit Alkohol, Benzos und einigen Nasen H. Ich erinnere mich an so gut wie nichts mehr. Muss äußerst wild zugegangen sein. Ich lag in unseren alten Zimmer in meinem alten Bett, wo jetzt «die Schwuchtel» drinnen wohnt - ein wirklich verspulter, durchgeknallter Typ. Irgendwann kassierte ich von den Wärtern einen Hausverbot und wurde nach draußen befördert. Trotz des Hausverbotes war ich sofort wieder im Container drinnen. Wenig später hockte ich vor dem Container in einem Bullenwagen. Die Bullen waren von der LKA und wurden eigentlich gerufen, weil ein Container-Bewohner einem anderen eine Waffe an den Kopf gehalten hat. Ich war nur ein Nebenfall. Die LKA-Bullen kümmern sich nicht um so einen Kinderkram wie Hausverbote, waren sehr freundlich und haben mir die «richtigen» Antworten vorgesagt. «...Und die Wunde auf der Nase haben Sie, weil sie gestürzt sind, nicht wahr?» - «Ja.» Was für ne Wunde? Währenddessen gingen einige Container-Leute vorbei und grüßten mich. Denen ist alles scheiss egal, sie sind ganz andere Sachen gewöhnt. Der Fremdenlegionär mit den Benzos steckte seine Nase rein und erkundigte sich ausführlich bei mir, was los sei. Nach einiger Zeit hatten die LKA-Bullen die Schnauze voll und sagten ihm, er solle sich verpissen. Binnen 5 Minuten war der Fall erledigt, und ich konnte nach Hause gehen. Ich weiß bis heute nicht, wie ich nach Hause gekommen bin. Als ich am nächsten Tag in den Spiegel schaute, war da tatsächlich eine Wunde an der Nase. Später hat sich rausgestellt, woher ich sie hatte: Ich habe den Zwergarl angegriffen (warum auch immer), ein Typ wollte ihn beschützen und steckte mich mit dem Kopf in einen Ofen rein. Der Zwergarl konnte sich an den Vorfall genau so wenig erinnern wie ich. Zwei Tage später kam per Post ein Hausverbot für den Container auf Lebenszeit. Ist wohl auch besser so.

Eine Woche nach dem ich meine ganzen Unterlagen für die Aufenthaltsverlängerung bei meinem Anwalt abgegeben hatte, bin ich (wie geplant) aus der Arbeit rausgeflogen. Ich habe einen Kundentermin verpasst, bis erst um 12 Uhr Mittags aufgewacht und hab endgültig das Handtuch geschmissen. Ich fuhr in die Arbeit, ging zum Chef ins Büro und holte meine Kündigung ab, die bereits fertig da lag. Ich glaube, dieser Beruf ist echt nix für mich. Ich sollte was anderes machen. Irgendwas soziales. Jedenfalls bin ich echt froh, endlich von diesen scheiß Büro-Pussys erlöst zu sein. Früher oder später hätte es richtig gekracht. Wenn man täglich mit einem Kotzgefühl zur Arbeit fährt, dann wird es mit dem Job auf Dauer sowieso nix.

Am Wochenende wollte ich zusammen mit Zwergarl seinen PC machen. Ich bin aus meinem Benzo-Rausch aufgewacht und war in der Stadt unterwegs. Ich wollte mich mit nem Arbeitskollegen treffen, um die nötigen Programme zu kriegen. Plötzlich klingelt mein Handy. Der Flo ist dran. «Hör mal zu, der Zwergarl ist tot!» - «Was?!» - «Der Zwergarl ist tot!» - «Sag dass das nicht wahr ist!» - «Doch, es ist wahr!». Aufgelegt. Dann hat sich das mit den Programmen wohl erübrigt. Der Zwergarl soll tot sein? Ich kann es einfach nicht glauben... Ich rief einen Container-Typen an: «Sag, dass es nicht wahr ist!!!» - «Doch. Es ist wahr.» Ich bin in Weinkrämpfen zusammengebrochen. Als ich auf meinem Benzo-Rausch halbtot zu Hause pennte, ist der Zwergarl an einer Überdosis draufgegangen. Er hat nicht mehr geatmet und hatte keinen Puls mehr. Er war noch warm, als der Notarzt kam. Tot. Sie konnten ihn nicht mehr retten. In München werden bei H-Opfern immer die Bullen mitbestellt, und sie kamen dann auch. Das ist anders als wie in Berlin, wo die Bullen sich für so einen Scheiß wie H-Opfer gar nicht interessieren. Der Zwergarl hat sich einige Tage zuvor ins Methadon-Programm eingeschrieben. Er holte sich täglich seinen Saft ab, kam aber trotzdem wegen H in den Container, was man eigentlich auf keinen Fall tun sollte. Er war schon halbtot im Container rumgeflackt. Niemand hat den Notarzt gerufen. Stattdessen durchstöberten die Container-Leichen seine Taschen und verzogen sich in den Waschkeller, um das erbeutete Zeug wegzudrücken. Der Flo und ein Container-Typ transportieren den Zwergarl mit Taxi nach Hause. Der Zwergarl ist aufgewacht und bedankte sich für das Taxi und alles mögliche. Zu Hause ist er wieder eingeschlafen. Für immer.

Aus eigener Erfahrung weiß ich dass es ein schöner Tod ist. Er hat für immer seinen Frieden gefunden und wird nicht mehr leiden. Er hat das letzte Jahr nur noch gelitten, und ich bin an seinem Leid zerbrochen. Er hat Scheiße gebaut und hatte Knast zu befürchten. In Knast wäre er seelisch krepiert, er war viel zu sensibel für so was. Hätte er diese Scheiße in Berlin gebaut, dann hätte er allerhöchstens Auf Bewährung gekriegt. Doch leider sind wir in München. Er wurde zum Wrack. Aber eigentlich war er das schon vorher. Doch ich hätte mit allem gerechnet, nur nicht mit so was.

Der Zusammenbruch erfolgte später. Ich konnte mit dem Weinen nicht mehr aufhören, hab mich nicht mehr rasiert, nicht mehr gewaschen, nichts gegessen und konnte nicht schlafen. Tagelang. Außer Haut und Knochen ist bei mir nix mehr dran. Ich war ein Wrack, vollkommen am Ende. Gott sei dank hatte ich zuvor meine Arbeit verloren.

Komme gerade von seiner scheiss Beerdigung. Es war ne richtige scheiss Beerdigung. Ich sollte mich um 12:45 bei seiner Mitbewohnerin vor dem Eingang treffen, weil sie mich freundlicherweise mitnehmen wollte. An der U-Bahn Wettersteinplatz stellte ich mir auf die Schnelle nen Blumenstrauß zusammen, in irgend so nem Schlitzi-Blumenladen: «Ich brauch was für ne Beerdigung!» War richtig teuer, so an die 20 Euro. Im kleinen Auto auf dem Weg Richtung Anzing saß dann ich, die Mitbewohnerin, ihre beiden feinen gutgekleideten Schwabing-Weggeh-Freundinnen und Stuard, ebenfalls ein guter Freund vom Zwergarl, den ich bisher nicht so richtig leiden konnte.

Die Beerdigung war so richtig scheisse katholisch, wie man sich das nur Vorstellen kann. Der Pfarrer erzählte 2 Stunden über Jesus und über die Führung Gottes, in die man sich anvertrauen soll. «Na da hat der Gott den Zwergarl aber gut geführt», dachte ich mir. Zum Glück kam der Stuard, der neben mir stand, aus England und hatte mit der Katholischen Kirche nichts am Hut. Die relativ kleine Dorfkirche war vollgestopft mit alten Omas und Opas. Das waren wohl keine Verwandte oder Bekannte der Familie, ich denke, in so einem Dorf wie Anzing ist eine Beerdigung ein Groß-Event, den man nicht versäumen darf. Zwischendurch entdecke ich auch paar andere Freunde vom Zwergarl. In der Mitte hab ich es nicht mehr ausgehalten und ging raus zum rauchen, aber draußen stand ein Leichenwagen - der Fahrer erzählte, es sei der Zwergarl. Also ging ich lieber schnell wieder rein. Die Band spielte paar Auszüge von Tschaikowski, und der Pfarrer erzählte was für ein toller Mensch der Zwergarl war, dass er seinen Freunden immer helfen wollte, die in der Not waren. Da fühlte ich mich betroffen. Er wollte immer allen helfen. Er hat allen geholfen. Nur selber hat er sich nicht helfen lassen.

Irgendwann gingen alle nach draußen. Ich brach in Tränen zusammen. Irgendeine Frau kam an und fragte mich ob ich es war, den sie in der Heßstraße zusammengebrüllt hätte. Ich fragte «Was ist in der Heßstraße?» - «Ach nichts. Vergiss es.» Hinterher stellte sich heraus dass das die berühmt-berüchtigte 35jährige Lehrerin war, mit der Zwergarl mal zusammen war, als er 16 war. (Die Geschichte hab ich ihm niemals abgekauft.) Von den Feierlichkeiten mussten wir Abstand nehmen. Als ich an der Reihe kam (alles rundherum begann zu flüstern), blieb ich kurz vor dem Erdloch stehen, warf den Blumenstrauß rein, brach in Tränen aus und schlich mich davon.

Zusammen mit diesen «normalen», jungen Leuten aus dem Auto war ich anschließend Bier trinken. Wie es in München so üblich ist, musst du um deine Anteilnahme an der Diskussion kämpfen, wenn du nicht als stummer, langweiliger Fisch abgestempelt werden willst. Gleichzeitig wollen die anderen dich nicht dabeihaben und wollen, dass du einfach nur die Fresse hälst. Da prallen einfach zwei unterschiedliche Welten zusammen: ich mit meiner Lebenserfahrung und Prägung, und die Normalos mit ihrer. Kann einfach nicht funktionieren. Hinterher hat sich rausgestellt, wie «daneben» ich mich benommen hätte: Die Mutter wegen dem Anwalt vom Zwergarl gefragt (ich hab damals 1000 Euros für seinen Scheiß Anwalt gezahlt, 300 zurück bekommen, dann war er tot. Seine Eltern haben Kohle ohne Ende, und direkt das Geld einfordern hab ich mich doch nicht getraut - soviel «Anstand» hatte ich noch. Ich hab Schulden ohne Ende und weiß nicht wie ich sie bezahlen soll, ich führ ein anderes Leben als diese scheiß Bonzen!) Nach dem Beerdigungs-Besäufniss beim Kirchen-Wirt «Das ist die Berliner Luft» gebrüllt, weil das Dorf Anzing so wahnsinnig nach Kuhscheiße gestunken hat. (Mann, da hätten die Berliner aber gelacht drüber!) Paar Dinge von der Seele gelassen, die die anderen «ziemlich krass» fanden. Als es im Getränkemarkt um Bier kaufen ging, antwortete ich auf «Tun wir es für Zwergarl» damit, dass ich die Benzodiazepine aus der Tasche zog und meinte, «dann müssten wir es eigentlich damit tun». Zwergarl selber hätte sicherlich drüber gelacht. Zum Schluss stellte sich heraus, warum alle so geflüstert haben, als ich den Blumenstrauß ins Grab warf: «Rote Rosen und weiße Nelken für einen Kerl, das ist schon echt krass». Scheiße, ich hab den Blumenstrauß nicht zusammengestellt, das waren die Schlitzis im Blumenladen an der U-Bahn Wettersteinplatz. Hat 20 Euros gekostet. Soviel war mit mein bester Freund wenigstens noch wert!

Noch schlimmer als die Beerdigung war anschließend der indirekte Vorwurf von diesen langweiligen Normalo-Freunden, ich hätte was mit seinem Tod zu tun. «Wir» (also die Fertigen) wären der falsche Umgang für ihn, vorher (bevor er «uns» kannte) war er «normaler» und lebensfroher. Verdammt, als ich ihn kennen lernte war der Typ seelisch bereits am Ende, hat außer Kiffen und In der Wohnung Hocken nichts anderes mehr gemacht, hat mit Drogen ganz Giesing versorgt und hatte Waffen im Keller - ich währenddessen machte täglich Krafttraining an der Isar, ernährte mich fast ausschließlich von Obst und Gemüse, war froh und munter und mit meinen Gedanken voll im Berlin-Fieber. Wozu bin ich denn aus diesem scheiss Berlin zurückgekehrt - um meinen besten Freund zu beerdigen und mir dann noch solche Scheisse anzuhören? Wäre ich doch lieber gleich dort geblieben!

Ich mache der Mitbewohnerin keinen Vorwurf - sie hat den Zwergarl mindestens genau so geliebt wie ich und hat vielleicht einbisschen Überreagiert (und darum auch «ihre» Wahrheit gesagt). Das hier geht an die ganzen «normalen» Menschen, die sich offensichtlich einbilden den Zwergarl richtig zu kennen:

«Wos is 'normal'? 'Normal' is für mi a rechter Winkel!» Mir jedenfalls sind die verspulten, «asozialen», freakigen, ver-rückten, durchgeknallten und «kranken» Leute 1000x lieber als die sogenannten «normalen» Leute, weil die erstgenannten a) herzlicher, b) sozialer, c) toleranter, d) aufgeschlossener und e) verständnisvoller sind. Sie ecken in DIESER TEMPORÄREN, offensichtlich KRANKEN Gesellschaft an, aber sie kennen DAS LEBEN und überleben wie die Ratten auch den 3. Weltkrieg. Ich fühl mich bei diesen Menschen gut aufgehoben, weil ich so sein kann wie ich bin, ohne jemals anzuecken. Ich bin in einer knüppelharten 10-Millionen-Großstadt in einem riesigen Betonblock-Ghetto großgeworden, das alleine schon der Größe von München hat. Ich bin in einem Betonblock großgeworden der so groß war, wie kein einziger Betonblock in München. Ich bin mit 7 Jahren alleine mit der Moskauer U-Bahn rumgefahren, wo ein Zug bei Tempo 80 an die 6 Minuten von einer Station zur nächsten braucht. Bei uns im Hof gab's nicht diese billigen Plastik-Gangstas wie hier. Bei uns herrschte KRIEG! Ich hatte eine knüppelharte Kindheit, eine knüppelharte Jugend und führe ein knüppelhartes Leben. Ich hab an einem Tag Sachen erlebt, die ein «normaler» Mensch im ganzen Leben niemals erleben wird. Und wenn er es erleben würde, dann würde er sich sofort die Kugel geben. Oder an einer Überdosis verrecken. Und deswegen bin ich so, wie ich bin. Deswegen KANN mich ein «normaler» Mensch niemals verstehen und findet mich komisch. Wenn mich jemand verstehen kann, dann nur ein Fertiger, Verspulter, «Asozialer», Freak, Ver-Rückter, Durchgeknallter oder «Kranker», aber niemals ein «normaler» Mensch. DAS war der Grund, warum ich nach Berlin abgehauen bin: weil es da so viele Fertige gibt. «Wir», die Fertigen, labern nicht ständig über Drogen und Ghettos, sondern «wir» sind es. «Wir» führen ein hartes und gefährliches Leben, können jederzeit abkratzen und werden es auch. Aber es ist ein reiches und inhaltsvolles Leben. Ein Leben, das ich mit keinem langweiligen scheiß Normalo-Spießer tauschen will.

Der Zwergarl hat «uns» gesucht und gefunden, weil er sich nach einem solchen Leben gesehnt und sich schon vorher systematisch drauf vorbereitet hat. (Er wollte nach Berlin abhauen, BEVOR er «uns» kannte. Er wollte sich seinen Drogenkoffer zusammenstellen BEVOR er «uns» kannte.) Er hat nicht überlebt weil er für ein solches Leben zu schwach war. Vielleicht bin ich morgen der Nächste. Wer wird dann zu meiner Beerdigung kommen? Bestimmt kein einziger «normaler» Mensch!

Mag sein, dass der Pfarrer recht hatte mit seiner 2stündigen Predigt. Mag sein dass Zwergarl in Anzing geboren, in Anzing christlich erzogen wurde, in Anzing seine normale Umgebung, sein intaktes Elternhaus, seine normalen Freunde hatte. Wieso hatten seine normalen Freunde keine Zeit mehr für ihn? «Wir», die Fertigen, hatten immer Zeit für ihn. An «uns» konnte er sich jederzeit wenden und hat sich auch jederzeit gewandt. Wo waren seine normalen Freunde, als Zwergarl in Not war? Wo waren seine normalen Freunde, als Zwergarl so dringend Trost und Hilfe gebraucht hat? Wieso ist er überhaupt aus Anzing nach München, in die hochgefährliche 1,3-Millionen-Ghetto-Großstadt übergesiedelt? Kommt, erzählt mir keinen Scheissdreck! Der Zwergarl war wie Bruder für mich, ich kenne seine Seele sehr sehr gut, genau so gut wie er meine kannte! Er hatte wahnsinnige Sehnsüchte nach einer richtigen Familie, nach einer richtigen Mutter, die er offensichtlich nie bekommen hat! Er hatte Sehnsüchte nach richtigen Freunden, die er offensichtlich nicht hatte! Er wollte raus aus seinem ländlichen «normalen» Milieu, rein in das Freak-Paradies, rein in das Leben! Ich hab mit eigenen Augen gesehen wie er in Berlin abgegangen ist! Alle, die dabei waren, haben es gesehen! Und alle, die dabei waren, haben gesehen dass er für ein solches Leben (noch) zu unreif und zu schwach war! Weiß seine leibliche Mutti und sein leiblicher Papi draußen in Anzing das alles? Wissen seine «normalen» Freunde das alles?

Wieso wissen «wir» das?

Paar Tage später holte ich mit seinen Eltern mein Zeug aus seiner Wohnung. Die Wohnung wird verkauft, die Eltern können den Ort nicht mehr sehen. Der Vater ist fertig. Die Mutter auch. Aber sie sagen, dass es für den Zwergarl wohl am besten so ist. Dieses Trauerspiel ging schon seit 6 Jahren, und am Ende konnten sie ihm nur noch ein Dach über den Kopf geben, damit er nicht auf der Straße steht. Professionelle Hilfe hat er abgelehnt. Von seinen Geschichten wussten die Eltern sowieso nichts. Seine Mutter erzählte mir, dass Zwergarl mich immer gerne gehabt hat. Er sagte, ich sei der einzigste Mensch der noch vernünftig ist. Er hat sehr gelitten, als es mir dreckig ging. Sie bedankte sich bei mir dass ich den Zwergarl auf seinem letzten Weg begleitet habe. Sie sagte, ich soll für ihn weiter leben.

Nach Zwergarl's Tod ist es alles nicht mehr so wie früher. Opiate fasse ich nicht mehr an. (Zum Glück war ich noch nicht körperlich drauf.) Benzos nehme ich nur noch bei extremen Angstzuständen, und wenn, dann höchstens 2. Alkohol trinke ich keins. Gras vertrage ich sowieso nicht mehr und hab schon seit fast ½ Jahr nicht mehr geraucht. Ich bin grad dabei, mir das Rauchen abzugewöhnen. Wenn ich es geschafft habe, dann sind alle meine «Drogenprobleme» beseitigt, bis auf Kaffee und Tee. Ich spiele mit dem Gadanken, mich in eine psychosomatische Trauma-Klinik einzuschreiben. Ich will endlich meine Probleme aus der Welt schaffen, die mich am Weiterleben behindern. Entweder ich schaffe es, oder ich gehe in der nächsten Zeit drauf.